{"id":187,"date":"2020-01-07T11:05:42","date_gmt":"2020-01-07T10:05:42","guid":{"rendered":"https:\/\/www.artfood.at\/?p=187"},"modified":"2022-09-08T15:27:28","modified_gmt":"2022-09-08T13:27:28","slug":"nun-habe-ich-ein-kleines-ding-das-mir-sehr-viel-freude-bereitet","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.artfood.at\/index.php\/2020\/01\/07\/nun-habe-ich-ein-kleines-ding-das-mir-sehr-viel-freude-bereitet\/","title":{"rendered":"Nun habe ich ein kleines Ding, das mir sehr viel Freude bereitet"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: left;\">Man schreibt das Jahr 1912 und die Wiener Gesellschaft ist schockiert: im Zentrum der Stadt, mitten am Michaelerplatz steht ein neu errichtetes, jedoch vollkommen schmuckloses Haus: die Fenster haben keine Umrahmung, die strenge Fassade keinerlei Verzierung oder Dekoration \u2013 ja darf er denn das, der Herr Architekt?<\/p>\n<figure id=\"attachment_190\" aria-describedby=\"caption-attachment-190\" style=\"width: 309px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" class=\"wp-image-190\" src=\"https:\/\/www.artfood.at\/wp-content\/uploads\/2020\/01\/Looshaus_geschichtewiki_wien-300x255.jpg\" alt=\"\" width=\"309\" height=\"263\" srcset=\"https:\/\/www.artfood.at\/wp-content\/uploads\/2020\/01\/Looshaus_geschichtewiki_wien-300x255.jpg 300w, https:\/\/www.artfood.at\/wp-content\/uploads\/2020\/01\/Looshaus_geschichtewiki_wien.jpg 390w\" sizes=\"(max-width: 309px) 100vw, 309px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-190\" class=\"wp-caption-text\">Haus am Michaelerplatz, Wien<\/figcaption><\/figure>\n<p>\u201eHaus ohne Augenbrauen\u201c, so wurde das vom \u00f6sterreichischen Architekten Adolf Loos entworfene und gestaltete Haus am Michaelerplatz genannt. Die nachtr\u00e4glich angebrachten Blumenk\u00e4sten beruhigten die Gem\u00fcter ein klein wenig.<\/p>\n<p><strong>Die Ornament-Seuche!<br \/><\/strong>Diese Anekdote zeigt deutlich, worauf Adolf Loos besonderen Wert legte: Zeit seines Lebens war er ein vehementer Verfechter der Einfachheit und der \u00e4sthetischen Reduktion \u2013 und zwar ausnahmslos in allen Bereichen. F\u00fcr ihn stand die Funktionalit\u00e4t der Dinge im Vordergrund. Allerdings: \u201eDie Ornament-Seuche ist in \u00d6sterreich staatlich anerkannt und wird mit Staatsgeldern subventioniert.\u201c Alles Dekorative, die floralen Elemente im Wiener Jugendstil oder auch Verzierungen an Alltagsgegenst\u00e4nden und Geschirr waren ihm ein Gr\u00e4uel. \u201eWenn ich ein St\u00fcck Pfefferkuchen essen will, so w\u00e4hle ich mir ein St\u00fcck, das ganz glatt ist und nicht ein St\u00fcck, das ein Herz oder ein Wickelkind oder einen Reiter darstellt, der \u00fcber und \u00fcber mit Ornamenten bedeckt ist.\u201c<br \/><img loading=\"lazy\" class=\"aligncenter  wp-image-191\" src=\"https:\/\/www.artfood.at\/wp-content\/uploads\/2020\/01\/Pixabay_Besteck-300x225.jpg\" alt=\"\" width=\"244\" height=\"183\" srcset=\"https:\/\/www.artfood.at\/wp-content\/uploads\/2020\/01\/Pixabay_Besteck-300x225.jpg 300w, https:\/\/www.artfood.at\/wp-content\/uploads\/2020\/01\/Pixabay_Besteck-377x283.jpg 377w, https:\/\/www.artfood.at\/wp-content\/uploads\/2020\/01\/Pixabay_Besteck.jpg 454w\" sizes=\"(max-width: 244px) 100vw, 244px\" \/>In einem Vortrag im Februar 1911, gehalten im Gro\u00dfen Musikvereinssaal in Wien, klagt er: \u201eWir lassen in neuerer Zeit unsere Bestecke vom Kunstprofessor vorzeichnen, der Dinge herstellen l\u00e4\u00dft, die er selbst nicht gebrauchen kann. &#8230; Da gab es Trinkgl\u00e4ser in den unm\u00f6glichsten Formen und mit raffinierten Verzierungen; kein Mensch konnte aus ihnen trinken.\u201c Als vielseitig interessierter Mensch und genauer Beobachter seiner Umwelt \u00e4u\u00dferte sich Adolf Loos in zahlreichen Kommentaren auch zu Tischmanieren, Essgewohnheiten, neuen Lebensmitteln und \u00e4hnlichem: Wo soll der Bauer seinen Apfelwein unterbringen? Wie bereitet man (die um die Jahrhundertwende in Wien noch eher unbekannten) Melanzani zu? Wie spuckt man bei Tisch Obstkerne in gesitteter Manier aus?<\/p>\n<figure id=\"attachment_192\" aria-describedby=\"caption-attachment-192\" style=\"width: 116px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" class=\" wp-image-192\" src=\"https:\/\/www.artfood.at\/wp-content\/uploads\/2020\/01\/Loos_wikiwien-219x300.jpg\" alt=\"\" width=\"116\" height=\"159\" srcset=\"https:\/\/www.artfood.at\/wp-content\/uploads\/2020\/01\/Loos_wikiwien-219x300.jpg 219w, https:\/\/www.artfood.at\/wp-content\/uploads\/2020\/01\/Loos_wikiwien.jpg 390w\" sizes=\"(max-width: 116px) 100vw, 116px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-192\" class=\"wp-caption-text\">Adolf Loos<\/figcaption><\/figure>\n<p>Wie gr\u00fcndlich er auch \u00fcber kleinste Aspekte von Tischkultur nachdachte, zeigt sein folgender Kommentar aus dem Jahr 1933, in dem er sich dem Nachsalzen bei Tisch widmet:<\/p>\n<p><strong>Lob eines Salztreuers<br \/><\/strong>\u201eEs ist doch sonderbar, da\u00df man mitunter an den kleinen, dem Material nach wertlosen Dingen des t\u00e4glichen Lebens mehr Freude empfinden kann, als an kostbaren Gegenst\u00e4nden. Wie schwer kann einen andererseits doch der Verlust eines geschickten Taschenmessers oder einer wirklich funktionierenden F\u00fcllfeder, der eigenen Hand gut angepa\u00dft, treffen.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" class=\"aligncenter  wp-image-188\" src=\"https:\/\/www.artfood.at\/wp-content\/uploads\/2020\/01\/Salz-300x148.jpeg\" alt=\"\" width=\"199\" height=\"98\" srcset=\"https:\/\/www.artfood.at\/wp-content\/uploads\/2020\/01\/Salz-300x148.jpeg 300w, https:\/\/www.artfood.at\/wp-content\/uploads\/2020\/01\/Salz-1024x505.jpeg 1024w, https:\/\/www.artfood.at\/wp-content\/uploads\/2020\/01\/Salz-768x379.jpeg 768w, https:\/\/www.artfood.at\/wp-content\/uploads\/2020\/01\/Salz-1536x757.jpeg 1536w, https:\/\/www.artfood.at\/wp-content\/uploads\/2020\/01\/Salz-2048x1010.jpeg 2048w\" sizes=\"(max-width: 199px) 100vw, 199px\" \/><\/p>\n<p>Nun habe ich ein kleines Ding, das mir sehr viel Freude macht. Es ist ein ganz gew\u00f6hnlicher h\u00f6lzerner, allerdings neuartiger Salzstreuer, wei\u00df lackiert, den ich bei keinem Mahl entbehren mag. Wie ein kleiner Pilz steht er dienstbereit auf dem Tisch. Ich w\u00fcnsche mir insgeheim, dass die Speisen, ganz im Gegensatz zu fr\u00fcher, zu wenig gesalzen sind, damit ich meinen kleinen Diener in Anspruch nehmen kann. Es ist kein Salzfa\u00df von fr\u00fcher, aus dem man mit dem Messer das Salz entnehmen mu\u00dfte, weil gew\u00f6hnlich keine L\u00f6ffel dabei war, es ist auch keiner der gottlob schon \u00fcblichen Salzstreuer, bei denen man gew\u00f6hnlich zuerst zuwenig und nachher zuviel Salz bekam, es ist, richtig, das Ideal eines Salzstreuers. Wie schon gesagt, ist der Salzstreuer aus Holz, der dem Salz die ihm leicht anhaftende Feuchtigkeit entzieht. Bei diesem Salzstreuer gibt es keine Br\u00f6ckchen und Kl\u00f6\u00dfchen und kein Versalzen mehr, denn der Knopf, den man nach Bedarf bet\u00e4tigt, streut nicht nur die gew\u00fcnschte Menge Salz, sondern zerreibt und mahlt die inzwischen trocken gewordenen Kl\u00f6\u00dfchen. Und dieses praktische, freudespendende Ding kostet 1,60 Schilling.\u201c<\/p>\n<p>Diese Beschreibung der Funktionsweise eines Salzstreuers ist konsequenterweise so n\u00fcchtern und schmucklos wie sein Haus am Michaelerplatz.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" class=\"wp-image-195 size-large aligncenter\" src=\"https:\/\/www.artfood.at\/wp-content\/uploads\/2020\/01\/Loos_cafe_museum_innenansicht_fotografie_original_7715_1_878afc605d132dd11cc3d9cabd3973ce-1024x512.jpg\" alt=\"\" width=\"317\" height=\"159\" srcset=\"https:\/\/www.artfood.at\/wp-content\/uploads\/2020\/01\/Loos_cafe_museum_innenansicht_fotografie_original_7715_1_878afc605d132dd11cc3d9cabd3973ce-1024x512.jpg 1024w, https:\/\/www.artfood.at\/wp-content\/uploads\/2020\/01\/Loos_cafe_museum_innenansicht_fotografie_original_7715_1_878afc605d132dd11cc3d9cabd3973ce-300x150.jpg 300w, https:\/\/www.artfood.at\/wp-content\/uploads\/2020\/01\/Loos_cafe_museum_innenansicht_fotografie_original_7715_1_878afc605d132dd11cc3d9cabd3973ce-768x384.jpg 768w, https:\/\/www.artfood.at\/wp-content\/uploads\/2020\/01\/Loos_cafe_museum_innenansicht_fotografie_original_7715_1_878afc605d132dd11cc3d9cabd3973ce.jpg 1200w\" sizes=\"(max-width: 317px) 100vw, 317px\" \/><br \/>PS: Das von Adolf Loos im Jahr 1899 im Inneren gestaltete Caf\u00e9 Museum am Wiener Karlsplatz wurde wegen seiner strengen Schlichtheit von der \u00d6ffentlichkeit kritisch \u201eCaf\u00e9 Nihilismus\u201c genannt. Mittlerweile steht es unter Denkmalschutz.<\/p>\n<hr \/>\n<p><strong>Infos &amp; Quellen <br \/><\/strong>*Alle Zitate sowie das <em>Lob des Salzstreuers<\/em> (inkl. Abbildung) entnommen aus: Adolf Opel (Hg.): <em>Adolf Loos Gesammelte Schriften<\/em>; lesethek Verlag 2010.<br \/>*Neben diesem doch sehr umfangreichen Werk (beinahe 800 Seiten \ud83d\ude09 ) eignet sich zum Nachlesen \u00fcber Adolf Loos &amp; Esskultur besser: Markus Kristan (Hg.): <em>Adolf Loos Hummer unter der Bettdecke. Delikates \u00fcber den guten Geschmack<\/em>; Metroverlag 2011.<\/p>\n<p>Bilder:<br \/>*Besteck: Gordon Johnson auf <a href=\"https:\/\/pixabay.com\/de\/vectors\/jahrgang-besteck-linie-kunst-l%C3%B6ffel-4283035\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Pixabay<\/a>.<br \/>*Adolf Loos: <a href=\"https:\/\/www.geschichtewiki.wien.gv.at\/index.php?title=Datei:Adolfloos.jpg\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">geschichtewiki.wien.gv.at<\/a>.<br \/>*Foto Cafe Museum Innenansicht: <a href=\"https:\/\/www.cafemuseum.at\/de\/cafe-museum\/die-story.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Cafe Museum<\/a>.<\/p>\n<p>\u00a0<\/p>\n\n\n<p><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Man schreibt das Jahr 1912 und die Wiener Gesellschaft ist schockiert: im Zentrum der Stadt, mitten am Michaelerplatz steht ein neu errichtetes, jedoch vollkommen schmuckloses Haus: die Fenster haben keine&hellip;<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":188,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[12,33],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.artfood.at\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/187"}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.artfood.at\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.artfood.at\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.artfood.at\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.artfood.at\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=187"}],"version-history":[{"count":12,"href":"https:\/\/www.artfood.at\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/187\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":1264,"href":"https:\/\/www.artfood.at\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/187\/revisions\/1264"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.artfood.at\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/media\/188"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.artfood.at\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=187"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.artfood.at\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=187"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.artfood.at\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=187"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}