{"id":219,"date":"2020-01-07T12:20:11","date_gmt":"2020-01-07T11:20:11","guid":{"rendered":"https:\/\/www.artfood.at\/?p=219"},"modified":"2022-09-08T15:36:49","modified_gmt":"2022-09-08T13:36:49","slug":"nac-zucker-schreien-wie-der-hirsch-nach-frischem-wasser","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.artfood.at\/index.php\/2020\/01\/07\/nac-zucker-schreien-wie-der-hirsch-nach-frischem-wasser\/","title":{"rendered":"&#8230; nach Zucker schreien wie der Hirsch nach frischem Wasser"},"content":{"rendered":"<p>Eine Vase mit Blumen, daneben Ribisel und Kirschen, Pfirsiche, auf einem Porzellanteller Rosinen, Datteln und Mandeln, eine Schale mit Zuckerwerk, garniert mit einer halben <a href=\"https:\/\/www.artfood.at\/index.php\/2022\/05\/24\/heilige-zitronen-ueberall\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Zitrone<\/a>. Was erz\u00e4hlt uns dieses wunderbare, meisterhaft gemalte Bild, ein sogenanntes Dessertstillleben aus dem Jahr 1632?<\/p>\n<figure id=\"attachment_220\" aria-describedby=\"caption-attachment-220\" style=\"width: 381px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" class=\" wp-image-220\" src=\"https:\/\/www.artfood.at\/wp-content\/uploads\/2020\/01\/Flegel_1_KHM-1-240x300.jpg\" alt=\"\" width=\"381\" height=\"476\" srcset=\"https:\/\/www.artfood.at\/wp-content\/uploads\/2020\/01\/Flegel_1_KHM-1-240x300.jpg 240w, https:\/\/www.artfood.at\/wp-content\/uploads\/2020\/01\/Flegel_1_KHM-1-818x1024.jpg 818w, https:\/\/www.artfood.at\/wp-content\/uploads\/2020\/01\/Flegel_1_KHM-1-768x962.jpg 768w, https:\/\/www.artfood.at\/wp-content\/uploads\/2020\/01\/Flegel_1_KHM-1.jpg 1198w\" sizes=\"(max-width: 381px) 100vw, 381px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-220\" class=\"wp-caption-text\">Georg Flegel: Dessertstilleben mit Blumenstrau\u00df; 1632<\/figcaption><\/figure>\n<p>Der Brauch, ein Dessert, also eine s\u00fc\u00dfe Speise, nach der eigentlichen Mahlzeit zu reichen, entwickelte sich in breiteren Bev\u00f6lkerungsschichten in Europa erst im Verlauf des 19. Jahrhunderts. Dies h\u00e4ngt eng mit den M\u00f6glichkeiten zur g\u00fcnstigen industriellen Produktion von Zucker zusammen. Mit der Z\u00fcchtung der Zuckerr\u00fcbe und der Errichtung von Zuckerr\u00fcbenfabriken in Europa ab Anfang des 19. Jahrhunderts verringerte sich schrittweise die Abh\u00e4ngigkeit von Importen aus den Koloniall\u00e4ndern \u2013 und Zucker wurde f\u00fcr den Alltag leistbar.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" class=\"aligncenter size-medium wp-image-221\" src=\"https:\/\/www.artfood.at\/wp-content\/uploads\/2020\/01\/Flegel_2_KHM_Detail-300x147.jpg\" alt=\"\" width=\"300\" height=\"147\" srcset=\"https:\/\/www.artfood.at\/wp-content\/uploads\/2020\/01\/Flegel_2_KHM_Detail-300x147.jpg 300w, https:\/\/www.artfood.at\/wp-content\/uploads\/2020\/01\/Flegel_2_KHM_Detail-1024x501.jpg 1024w, https:\/\/www.artfood.at\/wp-content\/uploads\/2020\/01\/Flegel_2_KHM_Detail-768x376.jpg 768w, https:\/\/www.artfood.at\/wp-content\/uploads\/2020\/01\/Flegel_2_KHM_Detail.jpg 1143w\" sizes=\"(max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><br \/>\nS\u00fc\u00dfes gab es nat\u00fcrlich immer schon, beispielsweise in Form von <a href=\"https:\/\/www.artfood.at\/index.php\/2020\/04\/14\/von-bienchen-und-bluemchen-oder-wie-melissa-bei-zeus-an-einem-wettbewerb-teilnahm\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Honig<\/a> oder getrockneten Fr\u00fcchten. Wie schon bei <a href=\"https:\/\/www.artfood.at\/index.php\/2020\/01\/07\/ihre-heisse-schokolade-frau-graefin\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Kakao<\/a> erw\u00e4hnt, war allerdings auch Zucker lange Zeit ein luxuri\u00f6ses Gut und somit wohlhabenden b\u00fcrgerlichen sowie adeligen Kreisen vorbehalten. Er musste teuer importiert werden und war zeitweise so wertvoll, dass man ihn \u201eWhite Gold\u201c nannte.<\/p>\n<p>Das in diesem Dessertstillleben dargestellte Zuckerwerk ist zur damaligen Zeit also eine ebensolche Kostbarkeit wie die Zitrone oder die goldene Schale. Eine Zitrone kostete so viel, wie ein Handwerker an einem Tag verdiente.<\/p>\n<p><strong>Nach Zucker schreien!<br \/>\n<\/strong>Einmal auf den Geschmack gekommen, wird alles M\u00f6gliche gezuckert: Wildschwein und Ravioli, Thunfischzungen oder auch Eierfrikassee mit Speck (ich gestehe ich musste im www nachschauen, was genau ein Eierfrikassee eigentlich ist..).<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" class=\"aligncenter size-medium wp-image-222\" src=\"https:\/\/www.artfood.at\/wp-content\/uploads\/2020\/01\/Zucker_Flegel_3-1-300x222.jpg\" alt=\"\" width=\"300\" height=\"222\" srcset=\"https:\/\/www.artfood.at\/wp-content\/uploads\/2020\/01\/Zucker_Flegel_3-1-300x222.jpg 300w, https:\/\/www.artfood.at\/wp-content\/uploads\/2020\/01\/Zucker_Flegel_3-1-1024x758.jpg 1024w, https:\/\/www.artfood.at\/wp-content\/uploads\/2020\/01\/Zucker_Flegel_3-1-768x569.jpg 768w, https:\/\/www.artfood.at\/wp-content\/uploads\/2020\/01\/Zucker_Flegel_3-1.jpg 1280w\" sizes=\"(max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><br \/>\nDas <em>Appetitlexikon<\/em> stellt gegen Mitte des 19. Jahrhunderts zur Bedeutung von Zucker fest: \u201eZucker ist s\u00fc\u00dfes Salz, d.h. nicht nur W\u00fcrzstoff, sondern zugleich Nahrungsmittel. &#8230; N\u00e4heres \u00fcber die kulinarische Rolle dieses universellen Nahrungsmittels anzuf\u00fchren, hie\u00dfe den Plattensee in die Donau sch\u00fctten, denn jedem Kinde ist bewu\u00dft, da\u00df vom einfachen Zuckerwasser bis zum hocharomatischen Kakaoliqueur, von der Ribisel bis zur Ananas, von der Mehlsuppe bis zur Mayonnaise zahllose Speisen und Getr\u00e4nke nach Zucker schreien wie der Hirsch nach frischem Wasser.\u201c<\/p>\n<p><strong>Flegel &amp; das Stillleben<br \/>\n<\/strong>Georg Flegel ist ein heutzutage weitestgehend unbekannter deutscher Maler. Er arbeitete als sogenannter Staffierer, d.h. er war als Maler auf ganz bestimmte Motive spezialisiert. Flegels Aufgabe war es, in gro\u00dfe Gem\u00e4lde von beispielsweise gedeckten Tafeln oder M\u00e4rkten dann Fr\u00fcchte, Brot oder sch\u00f6nes Geschirr einzuf\u00fcgen \u2013 er hat also die halbfertigen Gem\u00e4lde von anderen Malern fertig ausstaffiert.<\/p>\n<figure id=\"attachment_223\" aria-describedby=\"caption-attachment-223\" style=\"width: 300px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" class=\"size-medium wp-image-223\" src=\"https:\/\/www.artfood.at\/wp-content\/uploads\/2020\/01\/Flegel_4-300x248.jpg\" alt=\"\" width=\"300\" height=\"248\" srcset=\"https:\/\/www.artfood.at\/wp-content\/uploads\/2020\/01\/Flegel_4-300x248.jpg 300w, https:\/\/www.artfood.at\/wp-content\/uploads\/2020\/01\/Flegel_4.jpg 400w\" sizes=\"(max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-223\" class=\"wp-caption-text\">Georg Flegel: Stillleben mit Obst und Zuckerwerk; ca. 1635-37<\/figcaption><\/figure>\n<p>Allm\u00e4hlich ist Flegel aber dazu \u00fcbergegangen, eigenst\u00e4ndige Gem\u00e4lde von Lebensmitteln und Speisen anzufertigen. Dies war eine bemerkenswerte Leistung, denn Mitte des 17. Jahrhunderts gab es daf\u00fcr im deutschen Umfeld keinerlei Vorbilder. Die Darstellung von leblosen Objekten, Lebensmittel oder Speisen hat lange Zeit als minderwertig gegolten. Denn das non plus ultra waren dramatische Schlachtengem\u00e4lde sowie religi\u00f6se und mythologische Motive.<\/p>\n<p>Flegel wurde also der fr\u00fcheste deutsche Maler von sogenannten Stillleben. Aufgrund der wunderbaren Qualit\u00e4t war er zu seiner Zeit bekannt und auch nachgefragt. Er malte Desserts, Mahlzeiten, Fr\u00fchst\u00fccksbilder, Bankette, K\u00e4se, Fische und ja, auch sogenannte Raucherstillleben \u2013 und das beinahe fotografisch pr\u00e4zise. In seinen Bildern bedeuten die Gegenst\u00e4nde genau das, was sie sind; es gibt hier keine geheimen Bedeutungen, keine versteckten Botschaften oder Symbole (im Unterschied zu den <a href=\"https:\/\/www.artfood.at\/index.php\/2020\/01\/21\/der-kaiser-ein-gurkerl\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Gem\u00fcsebildern<\/a> von Giuseppe Arcimboldo). In Anlehnung an die unglaubliche Gertrude Stein kann man sagen: Ein Stillleben ist ein Stillleben ist ein Stillleben.<\/p>\n<hr \/>\n<p><strong>Infos &amp; Quellen<br \/>\n<\/strong>*Details zu Georg Flegel (um 1568 Olm\u00fctz \u2013 1638 Frankfurt am Main): <a href=\"https:\/\/www.kulturstiftung.de\/georg-flegel-sanduhr-und-suedfruechte\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Kulturstiftung.de<\/a>.<br \/>\n*Zitat zum Zucker entnommen aus: Robert Habs: <em>Appetitlexikon. Ein alphabetisches Hand- und Nachschlagebuch \u00fcber Speisen und Getr\u00e4nke. Zugleich Erg\u00e4nzung eines jeden Kochbuchs;<\/em> gek\u00fcrzte Neuauflage Insel-Verlag 2015 (Urspr\u00fcnglich Mitte\/Ende 19. Jahrhundert).<\/p>\n<p>Bilder:<br \/>\n*Georg Flegel: <em>Dessertstilleben mit Blumenstrau\u00df<\/em>, 1632. <a href=\"https:\/\/www.khm.at\/objektdb\/detail\/2167\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Kunsthistorisches Museum Wien<\/a>.<br \/>\n*Georg Flegel: <em>Stillleben mit Obst und Zuckerwerk<\/em>, ca. 1635-37. <a href=\"https:\/\/www.topofart.com\/de\/artists\/Flegel\/art-reproduction\/7344\/Meal-with-Fruit-and-Sweetmeats.php\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">topofart<\/a>.<br \/>\n*Andere: Alice Schmatzberger.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Eine Vase mit Blumen, daneben Ribisel und Kirschen, Pfirsiche, auf einem Porzellanteller Rosinen, Datteln und Mandeln, eine Schale mit Zuckerwerk, garniert mit einer halben Zitrone. Was erz\u00e4hlt uns dieses wunderbare,&hellip;<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":220,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[10,19],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.artfood.at\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/219"}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.artfood.at\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.artfood.at\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.artfood.at\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.artfood.at\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=219"}],"version-history":[{"count":16,"href":"https:\/\/www.artfood.at\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/219\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":1269,"href":"https:\/\/www.artfood.at\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/219\/revisions\/1269"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.artfood.at\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/media\/220"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.artfood.at\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=219"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.artfood.at\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=219"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.artfood.at\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=219"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}