{"id":228,"date":"2020-01-07T13:38:45","date_gmt":"2020-01-07T12:38:45","guid":{"rendered":"https:\/\/www.artfood.at\/?p=228"},"modified":"2022-09-08T15:41:08","modified_gmt":"2022-09-08T13:41:08","slug":"ihre-heisse-schokolade-frau-graefin","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.artfood.at\/index.php\/2020\/01\/07\/ihre-heisse-schokolade-frau-graefin\/","title":{"rendered":"Ihre hei\u00dfe Schokolade, Frau Gr\u00e4fin"},"content":{"rendered":"<p>\u201eOb heute wohl meine rosa B\u00f6hmische Haube ordentlich sitzt? Nicht, dass sie wieder runter rutscht, das w\u00e4r\u00b4 sch\u00f6n peinlich, wo doch die Gr\u00e4fin so internationale G\u00e4ste hat heute. So, R\u00fccken gerade, aufs Wasserglas muss ich acht geben, die Herrschaften warten schon, sogar der Liotard, der ber\u00fchmte Maler, is\u00b4 da!\u201c<\/p>\n<figure id=\"attachment_229\" aria-describedby=\"caption-attachment-229\" style=\"width: 185px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" class=\"size-medium wp-image-229\" src=\"https:\/\/www.artfood.at\/wp-content\/uploads\/2020\/01\/Liotard_2_Google_Art_Project-1-185x300.jpg\" alt=\"\" width=\"185\" height=\"300\" srcset=\"https:\/\/www.artfood.at\/wp-content\/uploads\/2020\/01\/Liotard_2_Google_Art_Project-1-185x300.jpg 185w, https:\/\/www.artfood.at\/wp-content\/uploads\/2020\/01\/Liotard_2_Google_Art_Project-1-633x1024.jpg 633w, https:\/\/www.artfood.at\/wp-content\/uploads\/2020\/01\/Liotard_2_Google_Art_Project-1-768x1243.jpg 768w, https:\/\/www.artfood.at\/wp-content\/uploads\/2020\/01\/Liotard_2_Google_Art_Project-1.jpg 791w\" sizes=\"(max-width: 185px) 100vw, 185px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-229\" class=\"wp-caption-text\">Jean-\u00c9tienne Liotard: Das Schokoladenm\u00e4dchen; um 1744<\/figcaption><\/figure>\n<p><strong>Eine junge Frau<br \/>\n<\/strong>Dieses Bild war f\u00fcr seine Zeit \u00e4u\u00dferst ungew\u00f6hnlich \u2013 und zwar gleich in mehrerlei Hinsicht. Es war die Zeit des Rokoko. Ein Kunst- und Baustil, der unter anderem f\u00fcr zarte und verspielte Verzierungen bekannt ist, f\u00fcr die Darstellung von Frivolit\u00e4t und Koketterie, f\u00fcr \u00fcberbordende Dekorationen an Fassaden und Gegenst\u00e4nden, mit vielerlei Ranken umrandet.<\/p>\n<p>Aber nichts davon findet sich in diesem Bild: es gibt keinerlei Verzierungen, keine Dekoration, wir sehen keinen Hintergrund und keine Gegenst\u00e4nde. Zu sehen ist lediglich eine junge Frau, in ihren H\u00e4nden ein dunkel gl\u00e4nzendes Tablett, auf dem hei\u00dfe Schokolade und ein Wasserglas serviert werden. Wenn man ganz genau hinsieht, erkennt man die Spiegelung eines Fensters im Wasserglas.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" class=\"aligncenter  wp-image-230\" src=\"https:\/\/www.artfood.at\/wp-content\/uploads\/2020\/01\/Liotard_1_Ausschnitt-1-300x238.jpg\" alt=\"\" width=\"289\" height=\"229\" srcset=\"https:\/\/www.artfood.at\/wp-content\/uploads\/2020\/01\/Liotard_1_Ausschnitt-1-300x238.jpg 300w, https:\/\/www.artfood.at\/wp-content\/uploads\/2020\/01\/Liotard_1_Ausschnitt-1-1024x814.jpg 1024w, https:\/\/www.artfood.at\/wp-content\/uploads\/2020\/01\/Liotard_1_Ausschnitt-1-768x610.jpg 768w, https:\/\/www.artfood.at\/wp-content\/uploads\/2020\/01\/Liotard_1_Ausschnitt-1.jpg 1280w\" sizes=\"(max-width: 289px) 100vw, 289px\" \/><br \/>\nDieses wundersch\u00f6ne, zarte, pr\u00e4zise Gem\u00e4lde, entstanden Mitte des 18. Jahrhunderts in Wien, zeigt ein sogenanntes \u201eStoubmensch\u201c, ein Stubenm\u00e4dchen in einem gehobenen Wiener Haushalt. Wer auch immer sie war, es handelte sich also um ein Dienstm\u00e4dchen. D.h. sie war eine Person von niedrigem sozialen Rang &#8211; Mon Dieu! So etwas galt damals als nicht \u201edarstellungsw\u00fcrdig\u201c in der Malerei. Dienstboten waren kein eigenes Gem\u00e4lde wert, sie wurden h\u00f6chstens beim Verrichten ihrer Arbeit dargestellt, also beispielsweise beim Bedienen der h\u00f6heren Herrschaften.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" class=\"aligncenter  wp-image-231\" src=\"https:\/\/www.artfood.at\/wp-content\/uploads\/2020\/01\/2B41AF6F-45FF-40A0-B1BD-0172A81E83AA-1-300x212.jpg\" alt=\"\" width=\"321\" height=\"227\" srcset=\"https:\/\/www.artfood.at\/wp-content\/uploads\/2020\/01\/2B41AF6F-45FF-40A0-B1BD-0172A81E83AA-1-300x212.jpg 300w, https:\/\/www.artfood.at\/wp-content\/uploads\/2020\/01\/2B41AF6F-45FF-40A0-B1BD-0172A81E83AA-1-1024x723.jpg 1024w, https:\/\/www.artfood.at\/wp-content\/uploads\/2020\/01\/2B41AF6F-45FF-40A0-B1BD-0172A81E83AA-1-768x542.jpg 768w, https:\/\/www.artfood.at\/wp-content\/uploads\/2020\/01\/2B41AF6F-45FF-40A0-B1BD-0172A81E83AA-1.jpg 1280w\" sizes=\"(max-width: 321px) 100vw, 321px\" \/><strong><br \/>\nDie hei\u00dfe Schokolade<br \/>\n<\/strong>Ungew\u00f6hnlich ist auch das dargestellte Getr\u00e4nk. Mitte des 18. Jahrhunderts, also zur Entstehungszeit des Gem\u00e4ldes <em>Das Schokoladenm\u00e4dchen<\/em>, war Kakao noch ein \u00e4u\u00dferst luxuri\u00f6ses Getr\u00e4nk (ebenso teuer und begehrt wie <a href=\"https:\/\/www.artfood.at\/index.php\/2020\/01\/07\/nac-zucker-schreien-wie-der-hirsch-nach-frischem-wasser\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Zucker<\/a>). Er z\u00e4hlte \u2013 gemeinsam mit Kaffee und Tee \u2013 zu den drei exotischen Hei\u00dfgetr\u00e4nken, die ab dem 16. bzw. 17. Jahrhundert aus Lateinamerika, dem arabischen Raum bzw. Asien nach Europa gelangten. Die Spanier brachten den Kakao 1519 nach der Eroberung des Aztekenreiches nach Europa. Weite Verbreitung fand dieser aber erst im 17. Jahrhundert als man das kalte, scharf gew\u00fcrzte Getr\u00e4nk der Azteken in einen warmen, stark ges\u00fc\u00dften Trunk verwandelte. Rasch entwickelte sich nun in der Aristokratie, aber auch im Klerus eine Art Kakao-Manie. In gehobenen Kreisen wurde es sogar schick, sich offiziell beim Kakaotrinken portraitieren zu lassen.<\/p>\n<figure style=\"width: 347px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" class=\"\" src=\"https:\/\/upload.wikimedia.org\/wikipedia\/commons\/thumb\/f\/fd\/La_famille_du_Duc_de_Penthi%C3%A8vre_dit_la_tasse_de_chocolat.jpg\/800px-La_famille_du_Duc_de_Penthi%C3%A8vre_dit_la_tasse_de_chocolat.jpg\" alt=\"Fichier:La famille du Duc de Penthi\u00e8vre dit la tasse de chocolat.jpg\" width=\"347\" height=\"236\" data-file-width=\"1941\" data-file-height=\"1321\" \/><figcaption class=\"wp-caption-text\">Jean-Baptiste Charpentier le Vieux\u202f: La Famille du duc de Penthi\u00e8vre en 1768 ou La Tasse de Chocolat<\/figcaption><\/figure>\n<p>Es gab angeblich sogar eigene Kakaok\u00f6chinnen, die das Getr\u00e4nk beispielsweise mit rohen Eiern und hei\u00dfem Wasser zubereiteten. Dem Kakao wurde medizinische, st\u00e4rkende sowie aphrodisierende Wirkung zugeschrieben, daher wurde er urspr\u00fcnglich in Apotheken verkauft. <em>\u201eEs st\u00e4rcket nemlich der Cacao den Magen, macht Lebensgeister hurtig, verd\u00fcnnt die S\u00e4fte und Gebl\u00fcht, hilft zur Venus-Lust, st\u00e4rcket das Haupt, lindert Schmerzen und ist sein Lob sowohl zur Nahrung wie als Medicament nicht genug fast zu beschreiben.\u201c<br \/>\n<\/em><\/p>\n<figure id=\"attachment_233\" aria-describedby=\"caption-attachment-233\" style=\"width: 265px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" class=\" wp-image-233\" src=\"https:\/\/www.artfood.at\/wp-content\/uploads\/2020\/01\/Liotard_5_Manufaktur_du_Paquier_Trembleuse_1730.jpg\" alt=\"\" width=\"265\" height=\"199\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-233\" class=\"wp-caption-text\">Eine <em>Trembleuse<\/em> aus der Manufaktur du Paquier; Wien, um 1730<\/figcaption><\/figure>\n<p>Und damit nur ja nichts von dem wertvollen Kakaogetr\u00e4nk versch\u00fcttet wird, serviert es das Schokoladenm\u00e4dchen in einer sogenannten <em>Trembleuse<\/em> (von <em>trembler<\/em>, franz\u00f6sisch f\u00fcr <em>zittern<\/em>). Dabei handelt es sich um eine Tasse, die in einer Untertasse mit hoch gezogenem Rand, dem sogenannten Einstellring, steht \u2013 eigentlich praktisch f\u00fcrs Fr\u00fchst\u00fcck im Bett. \ud83d\ude09<\/p>\n<p><strong>Der Maler<br \/>\n<\/strong>Der Maler Jean-\u00c9tienne Liotard erz\u00e4hlt uns mit seinem Gem\u00e4lde keine Geschichte \u00fcber das Schokoladenm\u00e4dchen (deswegen habe ich mir zu Beginn dieses Posts ein Horsd\u2019\u0153uvre ausgedacht). Wo spielt sich diese Szene ab? In den privaten Salons einer wohlhabenden Wiener Familie? Gar am Hof von Maria Theresia? Steht das Dienstm\u00e4dchen wartend herum? Ist sie in Sorge? Oder aufgeregt ob der hohen G\u00e4ste? Wir wissen es nicht, wir sehen nur einen eingefrorenen Moment in der Zeit. Noch ein Aspekt, der dieses Bild f\u00fcr die damalige Zeit so au\u00dfergew\u00f6hnlich machte.<\/p>\n<figure id=\"attachment_234\" aria-describedby=\"caption-attachment-234\" style=\"width: 183px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" class=\" wp-image-234\" src=\"https:\/\/www.artfood.at\/wp-content\/uploads\/2020\/01\/Liotard_6.jpg\" alt=\"\" width=\"183\" height=\"236\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-234\" class=\"wp-caption-text\">Jean-\u00c9tienne Liotard: Selbstportrait; 1773<\/figcaption><\/figure>\n<p>Liotard, 1702 in Genf geboren, war ein fr\u00fcher Globetrotter. Er arbeitete unter anderem an den H\u00f6fen in London, Paris, Rom, Florenz und Venedig, lebte mehrere Jahre in Konstantinopel und heiratete in Amsterdam eine Franz\u00f6sin. Seine vielen Reisen f\u00fchrten in auch mehrmals nach Wien, unter anderem auf Wunsch von Erzherzogin und K\u00f6nigin Maria Theresia (die ja selbst nie Kaiserin war, aber das ist eine andere Geschichte). Und hier entstand ca. 1744 sein bekanntestes und zugleich ungew\u00f6hnlichstes Bild, eben <em>Das Schokoladenm\u00e4dchen<\/em>. Bekannt war Liotard europaweit in den Adelsh\u00e4usern vor allem f\u00fcr seine lebensnahen Portraits, die er ohne jede Versch\u00f6nerung ganz nach der \u201esichtbaren Natur\u201c malte \u2013 ein Konzept, das zu seiner Zeit noch ziemlich abwegig war. Aber <em>Das Schokoladenm\u00e4dchen<\/em> galt zu seiner Zeit als das \u201esch\u00f6nste Pastell, das man je gesehen hat\u201c.<\/p>\n<p><strong>Ein Video<br \/>\n<\/strong>Zur Abrundung noch ein kurzes <a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=O4pF5281KJ4\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Video<\/a> (YouTube, 3min 21s), das vom Schokoladenm\u00e4dchen, dem Maler Liotard und dem Hof Maria-Theresias erz\u00e4hlt.<\/p>\n<hr \/>\n<p><strong>Infos &amp; Quellen<br \/>\n<\/strong><strong>*<\/strong>Staatliche Kunstsammlungen Dresden (Hg.): <em>Das sch\u00f6nste Pastell, das man je gesehen hat. Das Schokoladenm\u00e4dchen von Jean-\u00c9tienne Liotard<\/em>; Ausstellungskatalog Hirmer Verlag 2018.<br \/>\n*Marcel Roethlisberger, Ren\u00e9e Loche:<em> Liotard catalogue, sources et correspondance<\/em> (Band 1 &amp; 2); Davaco Publishers 2008.<br \/>\n*Zitat zum Cacao: <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Kakao_(Getr%C3%A4nk\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">wikipedia<\/a>.<\/p>\n<p>Bilder:<br \/>\n*Jean-\u00c9tienne Liotard: <em>Das Schokoladenm\u00e4dchen<\/em>, um 1743\/45. <a href=\"https:\/\/commons.wikimedia.org\/wiki\/File:Liotard_Schokoladen_Maedchen.jpg\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">commons wikimedia<\/a>.<br \/>\n*Jean-Baptiste Charpentier Le Vieux: <em>La Famille du duc de Penthi\u00e8vre en 1768 ou La Tasse de Chocolat<\/em>, 1768. <a href=\"https:\/\/commons.wikimedia.org\/wiki\/File:La_famille_du_Duc_de_Penthi%C3%A8vre_dit_la_tasse_de_chocolat.jpg\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">commons wikimedia<\/a>.<br \/>\n*Trembleuse: <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Wiener_Porzellanmanufaktur\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">wikipedia<\/a>.<br \/>\n*Jean-\u00c9tienne Liotard: <em>Selbstportrait<\/em>, 1773.<a href=\"https:\/\/commons.wikimedia.org\/wiki\/File:Jean-%C3%89tienne_Liotard_005.jpg\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\"> commons wikimedia<\/a>.<br \/>\n*Andere: Alice Schmatzberger.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u201eOb heute wohl meine rosa B\u00f6hmische Haube ordentlich sitzt? 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