{"id":949,"date":"2021-11-02T18:56:53","date_gmt":"2021-11-02T17:56:53","guid":{"rendered":"https:\/\/www.artfood.at\/?p=949"},"modified":"2023-04-18T13:01:35","modified_gmt":"2023-04-18T11:01:35","slug":"koerper-oder-geist-das-fing-schon-mit-aristoteles-an","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.artfood.at\/index.php\/2021\/11\/02\/koerper-oder-geist-das-fing-schon-mit-aristoteles-an\/","title":{"rendered":"K\u00f6rper oder Geist? Das fing schon mit Aristoteles an \u2026"},"content":{"rendered":"<p>Was sticht bei diesem Bild sofort ins Auge? Jedenfalls die \u00fcberdimensionale Fleischkeule. Dazu eine schwarze Kanne, helle Br\u00f6tchen, ein offenes K\u00fcchenkastl, Blumen in einer Vase, ein lederner Beutel, eventuell zur Aufbewahrung von Geld. Und klein im Hintergrund eine Figurengruppe vor einem Kamin.<\/p>\n<figure id=\"attachment_954\" aria-describedby=\"caption-attachment-954\" style=\"width: 434px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" class=\" wp-image-954\" src=\"https:\/\/www.artfood.at\/wp-content\/uploads\/2021\/11\/Pieter_Aertsen_KHM-300x183.jpeg\" alt=\"\" width=\"434\" height=\"265\" srcset=\"https:\/\/www.artfood.at\/wp-content\/uploads\/2021\/11\/Pieter_Aertsen_KHM-300x183.jpeg 300w, https:\/\/www.artfood.at\/wp-content\/uploads\/2021\/11\/Pieter_Aertsen_KHM-1024x623.jpeg 1024w, https:\/\/www.artfood.at\/wp-content\/uploads\/2021\/11\/Pieter_Aertsen_KHM-768x467.jpeg 768w, https:\/\/www.artfood.at\/wp-content\/uploads\/2021\/11\/Pieter_Aertsen_KHM.jpeg 1280w\" sizes=\"(max-width: 434px) 100vw, 434px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-954\" class=\"wp-caption-text\">Pieter Aertsen: Christus bei Maria und Martha, 1552<\/figcaption><\/figure>\n<p><strong>Marta und Maria von Bethanien<br \/>\n<\/strong>Wer sind diese Personen? Der Titel dieses Bildes von Pieter Aertsen aus dem Jahr 1552 lautet \u201eChristus bei Maria und Martha\u201c, er bezieht sich auf eine Geschichte aus dem Lukas-Evangelium im Neuen Testament: Jesus kommt in ein Dorf, wo er zu Gast bei den Schwestern Marta und Maria ist. Marta verrichtet die Arbeit in der K\u00fcche ganz alleine, da Maria sich zu Jesus setzt und seinen Erz\u00e4hlungen zuh\u00f6rt \u2013 wor\u00fcber Marta sich beschwert. Jesus antwortet: \u201eMarta, Marta, du machst dir viele Sorgen und M\u00fchen. Aber nur eines ist notwendig. Maria hat den guten Teil gew\u00e4hlt, der wird ihr nicht genommen werden.\u201c Dieser Satz findet sich auch als Inschrift auf dem Kaminsims: Maria heeft wtuercoren dat beste deel.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" class=\"aligncenter size-medium wp-image-953\" src=\"https:\/\/www.artfood.at\/wp-content\/uploads\/2021\/11\/Pieter_Aertsen_KHM_DetailKamin-300x270.jpeg\" alt=\"\" width=\"300\" height=\"270\" srcset=\"https:\/\/www.artfood.at\/wp-content\/uploads\/2021\/11\/Pieter_Aertsen_KHM_DetailKamin-300x270.jpeg 300w, https:\/\/www.artfood.at\/wp-content\/uploads\/2021\/11\/Pieter_Aertsen_KHM_DetailKamin-768x691.jpeg 768w, https:\/\/www.artfood.at\/wp-content\/uploads\/2021\/11\/Pieter_Aertsen_KHM_DetailKamin.jpeg 894w\" sizes=\"(max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><\/p>\n<p>Ein paar Jahre sp\u00e4ter entstand eine ganz \u00e4hnliche Darstellung von Joachim Beukelaer: vorne im Bild eine K\u00f6chin, die uns geradewegs anblickt, w\u00e4hrend sie Gefl\u00fcgel aufspie\u00dft, neben sich wieder eine gro\u00dfe Fleischkeule, im Hintergrund wieder die Gruppe an Personen. Diesmal scheinen beide Schwestern gleichzeitig bei Jesus zu sitzen.<\/p>\n<figure id=\"attachment_950\" aria-describedby=\"caption-attachment-950\" style=\"width: 242px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" class=\" wp-image-950\" src=\"https:\/\/www.artfood.at\/wp-content\/uploads\/2021\/11\/Beuckelaer_Khm-218x300.jpg\" alt=\"\" width=\"242\" height=\"333\" srcset=\"https:\/\/www.artfood.at\/wp-content\/uploads\/2021\/11\/Beuckelaer_Khm-218x300.jpg 218w, https:\/\/www.artfood.at\/wp-content\/uploads\/2021\/11\/Beuckelaer_Khm-742x1024.jpg 742w, https:\/\/www.artfood.at\/wp-content\/uploads\/2021\/11\/Beuckelaer_Khm-768x1059.jpg 768w, https:\/\/www.artfood.at\/wp-content\/uploads\/2021\/11\/Beuckelaer_Khm-1114x1536.jpg 1114w, https:\/\/www.artfood.at\/wp-content\/uploads\/2021\/11\/Beuckelaer_Khm.jpg 1118w\" sizes=\"(max-width: 242px) 100vw, 242px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-950\" class=\"wp-caption-text\">Joachim Beukelaer: K\u00f6chin (im Hintergrund Christus bei Maria und Martha), 1574<\/figcaption><\/figure>\n<p><strong>Geist oder K\u00f6rper?<br \/>\n<\/strong>Diese Erz\u00e4hlung im Lukas-Evangelium bedeutet in einer g\u00e4ngigen Interpretation, dass Spirituelles, dass sogenannte \u201cgeistige\u201c Nahrung h\u00f6her zu bewerten sei als profane Allt\u00e4glichkeiten, wie beispielsweise die Zubereitung von Essen. Die Besch\u00e4ftigung mit geistigen Dingen galt eigentlich schon seit Aristoteles als das Wahre, das Reine, wohingegen k\u00f6rperliche Belange \u2013 kochen, essen, trinken, Sex \u2013 von niedrigem Rang waren. Es galt: Kopf gegen K\u00f6rper, Vernunft gegen Emotion, Rein gegen Unrein, Kultur &amp; Philosophie gegen Natur.<\/p>\n<p>Dieser Wertung folgend besch\u00e4ftigten sich westliche Philosophien kaum jemals mit \u201epraktischen\u201c Fragen, mit Aspekten des Alltags, des Essens bzw. des K\u00f6rperlichen. Es galt, den K\u00f6per mit seinen zahlreichen Bed\u00fcrfnissen mittels der Kraft des Geistes zu \u00fcberwinden. Eine Haltung, der auch das Christentum immer schon viel abgewinnen konnte.<\/p>\n<p><strong>Gro\u00dfe St\u00fccke Fleisch<br \/>\n<\/strong>In diesen \u2013 man kann sagen: revolution\u00e4ren \u2013 Bildern aus der Mitte des 16. Jahrhunderts wird diese jahrhundertelange Bedeutung g\u00e4nzlich umgedreht. Im Vordergrund steht eindeutig das K\u00f6rperliche, die K\u00fcche, das Essen, die irdischen Dinge. Die Nahrung des K\u00f6rpers hat in diesen Darstellungen einen deutlich gr\u00f6\u00dferen Stellenwert als geistige Belange. Und nicht nur das: auch das Religi\u00f6se wird zur\u00fcckgedr\u00e4ngt, die Szene aus dem Lukas-Evangelium ist nur mehr winzig klein im Hintergrund zu sehen. Sie wirkt eher wie eine Dekoration.<\/p>\n<figure id=\"attachment_964\" aria-describedby=\"caption-attachment-964\" style=\"width: 432px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" class=\" wp-image-964\" src=\"https:\/\/www.artfood.at\/wp-content\/uploads\/2021\/11\/AKG6539204-300x187.jpeg\" alt=\"\" width=\"432\" height=\"269\" srcset=\"https:\/\/www.artfood.at\/wp-content\/uploads\/2021\/11\/AKG6539204-300x187.jpeg 300w, https:\/\/www.artfood.at\/wp-content\/uploads\/2021\/11\/AKG6539204-768x478.jpeg 768w, https:\/\/www.artfood.at\/wp-content\/uploads\/2021\/11\/AKG6539204.jpeg 1000w\" sizes=\"(max-width: 432px) 100vw, 432px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-964\" class=\"wp-caption-text\">Pieter Aertsen:&nbsp;Christus im Haus von Maria und Martha, 1553<\/figcaption><\/figure>\n<p>Und im Zentrum dieser Bilder stehen die Fleischst\u00fccke. Sie symbolisieren gemeinsam mit den anderen dargestellten Lebensmitteln den k\u00f6rperlichen Bereich: die b\u00fcrgerliche K\u00fcche, Genuss, materielle Begierde sowie das Essen an einer gemeinsamen Tafel. Andererseits verbindet das Fleisch die weltliche K\u00fcche mit der religi\u00f6sen Szene im Hintergrund. Denn das Fleisch steht auch f\u00fcr Christus selbst. \u201eUnd das Wort ist Fleisch geworden und hat unter uns gewohnt\u2026\u201c, so wird im Prolog des Johannes-Evangeliums die Menschwerdung bzw. Fleischwerdung Gottes in Jesus Christus beschrieben. Falls es sich bei den gro\u00dfen Fleischst\u00fccken tats\u00e4chlich um Hammelkeulen handelt, stehen diese nochmals symbolisch f\u00fcr Jesus Christus, der auch als Lamm Gottes bezeichnet wird.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" class=\"aligncenter  wp-image-952\" src=\"https:\/\/www.artfood.at\/wp-content\/uploads\/2021\/11\/Pieter_Aertsen_KHM_DetailFleisch-300x160.jpeg\" alt=\"\" width=\"428\" height=\"228\" srcset=\"https:\/\/www.artfood.at\/wp-content\/uploads\/2021\/11\/Pieter_Aertsen_KHM_DetailFleisch-300x160.jpeg 300w, https:\/\/www.artfood.at\/wp-content\/uploads\/2021\/11\/Pieter_Aertsen_KHM_DetailFleisch-1024x546.jpeg 1024w, https:\/\/www.artfood.at\/wp-content\/uploads\/2021\/11\/Pieter_Aertsen_KHM_DetailFleisch-768x409.jpeg 768w, https:\/\/www.artfood.at\/wp-content\/uploads\/2021\/11\/Pieter_Aertsen_KHM_DetailFleisch.jpeg 1280w\" sizes=\"(max-width: 428px) 100vw, 428px\" \/><\/p>\n<p>Diese auf den ersten Blick simplen Stillleben offenbaren also bei genauerer Betrachtung einen Blick in eine Zeit, als sich in der B\u00fcrgerschaft ein neues Selbstbewusstsein entwickelte. In diesen Fleisch-St\u00fccken werden zentrale gesellschaftliche Diskurse thematisiert: Fragen zum Konsum, zu Nahrung, Geschmack und Appetit, zur Endlichkeit des menschlichen Daseins bzw. auch zum Verh\u00e4ltnis von Weltlichem und Religi\u00f6sem.<\/p>\n<hr>\n<p><strong>Infos &amp; Quellen<\/strong><\/p>\n<p>Bilder:<br \/>\n*Pieter Aertsen: Christus bei Maria und Martha (oder \u201eVanitas Stillleben\u201c), 1552. <a href=\"http:\/\/www.khm.at\/de\/object\/c16a5320fa\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Kunsthistorisches Museum Wien<\/a>.<br \/>\n* Pieter Aertsen: Christus im Haus von Maria und Martha, 1553. <a href=\"https:\/\/www.boijmans.nl\/en\/collection\/artworks\/1618\/christ-in-the-house-of-martha-and-mary\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Museum Boijmans Van Beuningen<\/a> Rotterdam.<br \/>\n*Joachim Beukelaer: K\u00f6chin (im Hintergrund Christus bei Maria und Martha), 1574. <a href=\"http:\/\/www.khm.at\/de\/object\/05049e90fa\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Kunsthistorisches Museum Wien<\/a>.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Was sticht bei diesem Bild sofort ins Auge? 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