Der Schimmer der Bohnen

Die alte Frau Tokue mit ihren krummen Fingern und der junge, etwas antriebslose, gerade aus dem Gefängnis entlassene Sentaro, der eigentlich mal Schriftsteller werden wollte – so fängt die Sache mit den Bohnen an.

Sentaro arbeitet in einem Imbisstand in einer japanischen Großstadt, wo er lustlos Teig für kleine Pfannkuchen bäckt und dann jeweils zwei davon mit fertig gekaufter süßer, roter Bohnenpaste, dem An, füllt – diese so achtlos hergestellten Dorayaki verkaufen sich dann auch mehr schlecht als recht.Bis eines Tages eine fremde alte Frau unter dem Kirschbaum vor dem Imbisstand steht: die 76-jährige Tokue Yoshii fragt den jungen Sentaro, ob sie nicht aushelfen könne bei der Zubereitung der Dorayaki? Sie lässt ihm einen Becher mit ihrer selbst gemachten roten Bohnenfüllung da – als er diese kostet, ist er überwältigt.

„Dieser Duft und dann die dichte, vollmundige Süße, die sich schmelzend in seinem Mund ausbreitete, ein An voller außergewöhnlicher und unerwarteter Aromen. Der Geschmack der frischen Adzukibohnen, er explodierte regelrecht in Sentaros Mund.“

Frau Tokue wird angestellt. Und weil beide nicht sehr gerne von sich selbst erzählen, steht zunächst die gemeinsame Zubereitung der Bohnenpaste im Mittelpunkt.

„Als sie in die Küche kamen, waren die Adzukibohnen, die er am Abend zuvor eingeweicht hatte, in der Schüssel gequollen. Der lebendige Schimmer der einzelnen Böhnchen verlieh Sentaros Arbeitsplatz einen ganz neuen Glanz. Ihm war, als hätte er nun statt eines Lebensmittels eine Schar kleiner Lebewesen vor sich.“

„Chef, haben Sie sich die vor dem Einweichen auch richtig angesehen?“
„Wen?“
„Die Bohnen natürlich.“
„Nein.“ Sentaro legte den Kopf schräg.
„Es sind nämlich nicht alle geeignet.“

In aufwendiger Prozedur werden die roten Bohnen aufgekocht, mehrmals mit kaltem Wasser übergossen, wieder aufgekocht, abgegossen, gewaschen und vieles mehr. Für das An müssen sie dann auf kleiner Flamme köcheln, mit dem hölzernen Kochlöffel muss man in einem ganz bestimmten Winkel und sehr behutsam rühren, um die Bohnen nicht zu beschädigen.

Als Sentaro sich über den ganzen Aufwand wundert, antwortet ihm Tokue, dass dies zum Empfang geschehe.
„Für die Kunden?“
„Nein. Für die Bohnen.“
„Wieso das denn?“
„Immerhin sind sie den ganzen Weg aus Kanada gekommen.“

„Der Sprache der Dinge lauschen, die keine Worte haben. Das nenne ich `zuhören´.“ erklärt Tokue. „Man muss sich die Bohnen genau ansehen und ihnen zuhören. Zum Beispiel, um herauszufinden, wie sie sich bei Regen oder schönem Wetter fühlen. Was auf ihrer Reise geschah und wie der Wind wehte. Ich glaube fest daran, dass alle Dinge auf dieser Welt ihre eigene Sprache haben.“

„Nie im Leben hätte ich gedacht, dass die Bohnen Ihnen zuflüstern, wo sie geboren und aufgewachsen sind.“

„Stell dir den Himmel und den Wind an den Orten vor, von denen die Adzukibohnen kommen.“

In Sentaro erwachte das Gefühl, dass es für ihn vielleicht doch noch ein Leben jenseits der roten Bohnen geben konnte, wenn er es nur ernsthaft wollte. Und das war eine ganz neue, belebende Empfindung. Tokue spricht ihn auf seinen früheren Traum an.

„Deshalb war ich auch überrascht, dass Sie Schriftsteller werden wollten, Chef.“
„Schnee von gestern.“
„Aber die Träume von früher vergehen nicht, oder?“

Aber irgendwann kommt Frau Tokue nicht mehr. Sentaro besucht sie und erfährt mehr über ihr Schicksal und ihre krummen Finger.

„Süßspeisen habe ich gemacht, um den vielen bitteren Tränen, die die Menschen hier geweint haben, etwas entgegenzusetzen.“

„Ich war zu alt für die Freiheit.“

Zum Schluss flüstert Sentaro dem kleinen Kirschbaum zu: „Der Mond ist aufgegangen.“

„Kirschblüten & Rote Bohnen“ ist der Titel dieses Buches, in dem der japanische Schriftsteller in zarter, poetischer Sprache über bescheidene Träume erzählt, über die Möglichkeit von Freundschaft, kleine Schritte im Leben, auch auf das Unbekannte zu. Und die krummen Finger der Frau Tokue erzählen im Hintergrund ein Stück japanischer Sozialgeschichte.

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Infos & Quellen
*Alle Zitate aus: Durian Sukegawa: Kirschblüten und rote Bohnen; DuMont Verlag 2016.
*Zum Autor: Wikipedia.
*Dieses Buch wurde 2015 verfilmt; Trailer zum Film (1m 44s): imdb.

Bilder:
*Titelbild: Jan Nijman, Pixabay.
*Dorayaki: By ocdp, Wikipedia. CC BY-SA 3.0.
*Dorayaki: WikimediaCC BY-SA 2.5
*Adzukibohnen: Martin Hetto, Pixabay.
*Red beans: hartono subagio, Pixabay.
*Adzukibohnen (bearbeitet): BlendPrint, Pixabay.
*Cherry blossom: For commercial use, some photos need attention, Pixabay.
*Kirschblüte: gayulo, Pixabay.

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