Nun habe ich ein kleines Ding, das mir sehr viel Freude bereitet

Man schreibt das Jahr 1912 und die Wiener Gesellschaft ist schockiert: im Zentrum der Stadt, mitten am Michaelerplatz steht ein neu errichtetes, jedoch vollkommen schmuckloses Haus: die Fenster haben keine Umrahmung, die strenge Fassade keinerlei Verzierung oder Dekoration – ja darf er denn das, der Herr Architekt?

Haus am Michaelerplatz, Wien

„Haus ohne Augenbrauen“, so wurde das vom österreichischen Architekten Adolf Loos entworfene und gestaltete Haus am Michaelerplatz genannt. Die nachträglich angebrachten Blumenkästen beruhigten die Gemüter schließlich etwas.

Die Ornament-Seuche!
Diese Anekdote zeigt deutlich worauf Adolf Loos besonderen Wert legte: Zeit seines Lebens war er ein vehementer Verfechter der Einfachheit und der ästhetischen Reduktion – und zwar ausnahmslos in allen Bereichen. Für ihn stand die Funktionalität der Dinge im Vordergrund. Allerdings: „Die Ornament-Seuche ist in Österreich staatlich anerkannt und wird mit Staatsgeldern subventioniert.“ Alles Dekorative, die floralen Elemente im Wiener Jugendstil oder auch Verzierungen an Alltagsgegenständen und Geschirr waren ihm ein Gräuel. „Wenn ich ein Stück Pfefferkuchen essen will, so wähle ich mir ein Stück, das ganz glatt ist und nicht ein Stück, das ein Herz oder ein Wickelkind oder einen Reiter darstellt, der über und über mit Ornamenten bedeckt ist.“
In einem Vortrag im Februar 1911, gehalten im Großen Musikvereinssaal in Wien, klagt er: „Wir lassen in neuerer Zeit unsere Bestecke vom Kunstprofessor vorzeichnen, der Dinge herstellen läßt, die er selbst nicht gebrauchen kann. … Da gab es Trinkgläser in den unmöglichsten Formen und mit raffinierten Verzierungen; kein Mensch konnte aus ihnen trinken.“ Als vielseitig interessierter Mensch und genauer Beobachter seiner Umwelt äußerte sich Adolf Loos in zahlreichen Kommentaren auch zu Tischmanieren, Essgewohnheiten, neuen Lebensmitteln und ähnlichem: Wo soll der Bauer seinen Apfelwein unterbringen? Wie bereitet man (die um die Jahrhundertwende in Wien noch eher unbekannten) Melanzani zu? Wie spuckt man bei Tisch Obstkerne in gesitteter Manier aus?

Adolf Loos

Wie gründlich er auch über kleinste Aspekte von Tischkultur nachdachte, zeigt sein folgender Kommentar aus dem Jahr 1933, in dem er sich dem Nachsalzen bei Tisch widmet:

Lob eines Salztreuers
„Es ist doch sonderbar, daß man mitunter an den kleinen, dem Material nach wertlosen Dingen des täglichen Lebens mehr Freude empfinden kann, als an kostbaren Gegenständen. Wie schwer kann einen andererseits doch der Verlust eines geschickten Taschenmessers oder einer wirklich funktionierenden Füllfeder, der eigenen Hand gut angepaßt, treffen.

Nun habe ich ein kleines Ding, das mir sehr viel Freude macht. Es ist ein ganz gewöhnlicher hölzerner, allerdings neuartiger Salzstreuer, weiß lackiert, den ich bei keinem Mahl entbehren mag. Wie ein kleiner Pilz steht er dienstbereit auf dem Tisch. Ich wünsche mir insgeheim, dass die Speisen, ganz im Gegensatz zu früher, zu wenig gesalzen sind, damit ich meinen kleinen Diener in Anspruch nehmen kann. Es ist kein Salzfaß von früher, aus dem man mit dem Messer das Salz entnehmen mußte, weil gewöhnlich keine Löffel dabei war, es ist auch keiner der gottlob schon üblichen Salzstreuer, bei denen man gewöhnlich zuerst zuwenig und nachher zuviel Salz bekam, es ist, richtig, das Ideal eines Salzstreuers. Wie schon gesagt, ist der Salzstreuer aus Holz, der dem Salz die ihm leicht anhaftende Feuchtigkeit entzieht. Bei diesem Salzstreuer gibt es keine Bröckchen und Klößchen und kein Versalzen mehr, denn der Knopf, den man nach Bedarf betätigt, streut nicht nur die gewünschte Menge Salz, sondern zerreibt und mahlt die inzwischen trocken gewordenen Klößchen. Und dieses praktische, freudespendende Ding kostet 1,60 Schilling.“

Diese Beschreibung der Funktionsweise eines Salzstreuers ist konsequenterweise so nüchtern und schmucklos wie sein Haus am Michaelerplatz.


PS: Das von Adolf Loos im Jahr 1899 im Inneren gestaltete Café Museum am Wiener Karlsplatz wurde wegen seiner strengen Schlichtheit von der Öffentlichkeit kritisch „Café Nihilismus“ genannt. Mittlerweile steht es unter Denkmalschutz.


Infos & Quellen
*Alle Zitate sowie das Lob des Salzstreuers (inkl. Abbildung) entnommen aus: Adolf Opel (Hg.): Adolf Loos Gesammelte Schriften; lesethek Verlag 2010.
*Neben diesem doch sehr umfangreichen Werk (beinahe 800 Seiten 😉 ) eignet sich zum Nachlesen über Adolf Loos & Esskultur besser: Markus Kristan (Hg.): Adolf Loos Hummer unter der Bettdecke. Delikates über den guten Geschmack; Metroverlag 2011.

Bilder:
*Besteck: Gordon Johnson auf Pixabay.
*Adolf Loos: geschichtewiki.wien.gv.at.
*Foto Cafe Museum Innenansicht: Cafe Museum.

 

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