Nur 1x im Jahr?

Mit Staunen habe ich vernommen (Danke an Rainer!), dass es einen „Iss was Du willst Tag“ gibt – es ist der 11. Mai.


Verwundert lese ich: „An diesem Tag darf gegessen werden, was einem schmeckt und worauf man Lust hat. Kalorien zählen ist verboten, denn alles ist erlaubt“ und „Am 11. Mai dürfen wir uns alles gönnen, denn dann ist internationaler Iss-was-Du-willst-Tag. Nehmt euch eine Pause von frustrierenden Diäten, Gesundheitstrends und vom Kalorienzählen.… egal was wir am 11. Mai essen werden, schmecken soll es und richtig genossen werden.“

Das lässt mich einigermaßen ratlos zurück – denn was bedeutet das umgekehrt? Dass die meisten Menschen (zumindest in der westlichen Welt) an 364 Tagen im Jahr etwas essen, was ihnen nicht schmeckt? Weil sie bestimmten Trends folgen? Sich an Tabellen halten? Sie verlernt haben, genussvoll oder freudvoll mit Essen umzugehen?

Der „Iss was Du willst Tag“ bestärkt mich in dem Ansatz, den ich mit ArtFood – der etwas andere Foodblog verfolge. Die Entwicklungen der letzten Jahre haben dazu geführt, dass Essen zu oft in einer Gemengelage aus Schuld, Lifestyle, Moral, Weltanschauung, Krankheit oder auch Selbstoptimierung betrachtet wird. Aber Lebensmittel bzw. Essen bedeuten so viel mehr und anderes, beispielsweise Genuss, Entdeckung, Gewohnheit, Heimat, kulturelle Praxis, gemeinsames Erleben, politische Entscheidung, Spiegel sozialer Gegebenheiten, Entspannung, Erinnerung, Trost, Inspiration für Literatur und Malerei oder auch Mittel gegen Frust und Langeweile.

Die Gastrosophie
Die Basis meiner Überlegungen hier auf ArtFood ist ja die Gastrosophie: eine Philosophie des guten Essens sowie eine zukunftsethische Bewegung für Genuss und gute Esskultur. Dazu lese ich derzeit das Buch „Über das Essen. Philosophische Erkundungen“ von Harald Lemke. Er plädiert für ein umfassendes Denken über Essen, denn „Die Menschen sind in ihrem Dasein zu einem beträchtlichen Teil mit dem Essen beschäftigt; fast alles dreht sich darum.“ Das umfasst den Anbau von Lebensmittel, Transport, Verarbeitung, Zubereitung, politische bzw. rechtliche Fragen, den täglichen Konsum, Tischkultur, Genuss, Bekömmlichkeit etc. Essen ist eine der „alltäglichsten Lebensaktivitäten des Menschen“. Aber auch eine wirkmächtige, denn jede einzelne Entscheidung – sei es der Einkauf, das Kochen oder das auswärts Essen – hat soziale, gesundheitliche, wirtschaftliche, ökologische und andere Auswirkungen.

Für eine kulinarische Selbstbestimmung
Was ist damit gemeint? Wie bereits erwähnt, besteht das gute Essen aus vielen Aspekten – und dazu zählt auch die kulinarische Selbstbestimmung. Das bedeutet, die unterschiedlichen Facetten der eigenen kulinarischen Lebensweise bewusst wahrzunehmen und auch zu gestalten. Also beispielsweise öfter selber kochen oder sich ein eigenes Geschmacksurteil bilden und diesem auch vertrauen.

Diese „tagtägliche Gestaltung der eigenen Essgewohnheiten“ sollten wir nicht aus „kulinarischem Analphabetismus“, aus Unwissenheit, Feigheit oder Faulheit anderen überlassen und nicht an Ratgeber oder Kalorientabellen delegieren. „Habe Mut, deinen eigenen Geschmack gut auszubilden, laute also der Wahlspruch einer vollmundigen Mündigkeit und das Motto der gastrosophioschen Aufklärung.“ Also mit offenem Herzen und Gedanken selbstbestimmt für sich herausfinden, was gutes Essen ausmacht und wie es gelingen kann.

Denn: „Das menschliche Streben nach dem Glück eines guten Lebens muss auf jeden Fall das alltägliche Glück eines guten Essens beinhalten.“


Infos & Quellen
Zitate und Gedanken von Harald Lemke folgenden Quellen entnommen:
* Ästhetik des guten Geschmacks. Vorstudien zu einer Gastrosophie (überarbeitete Version); in: R. Behrens, K. Kresse, R. Peplow (Hg.), Symbolisches Flanieren. Kulturphilosophische Streifzüge; Hannover 2001. 
*Über das Essen. Philosophische Erkundungen; Wilhelm Fink Verlag 2014.
*Essen ist einverleibtes Wissen; Telepolis, 2015.

Bilder:
*Coverbild: Comfreak auf Pixabay.
*Frühstückstisch: Free-Photos auf Pixabay.
*Apfel mit Maßband: Shutterbug75 auf Pixabay.
*Grafik: van Vaerst auf Projekt Gutenberg.
*Wok: Pexels auf Pixabay.
*Käse & Feige: RitaE auf Pixabay
*Makronen: Anja🤗#helpinghands #solidarity#stays healthy🙏 auf Pixabay.
*Andere: Alice Schmatzberger.

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