Heilige Zitronen überall!

Ohne griechische Götterwelt geht ja fast gar nix: Wurdet ihr in eurer Kindheit auch mit Hesperiden-Essig „verwöhnt“?

Edward Burne-Jones: Garten der Hesperiden

Äpfel – oder Zitronen?
Die Hesperiden der griechischen Mythologie sind weibliche Naturgeister, manchmal auch als Nymphen bezeichnet. Sie hüteten irgendwo am äußersten Rand der Welt einen prachtvollen Garten, in dessen Mitte ein Baum mit goldenen Früchten wuchs. Diese Früchte waren verboten, aber natürlich heiß begehrt, denn sie konnten den griechischen Göttern ewige Jugend verleihen. Und so musste der Baum zusätzlich von einem hundertköpfigen Ungeheuer namens Ladon bewacht werden. Herkules gelang es trotzdem, listig drei dieser Früchte zu rauben.

Lukas Cranach der Ältere: Herkules raubt die Äpfel der Hesperiden

So um das Jahr 400 vor unserer Zeitrechnung bezeichnete der griechische Komödiendichter Aristophanes Zitrusfrüchte als „Persische Äpfel“ – was unweigerlich zu einem Durcheinander führte: Die mythischen Früchte aus dem Garten der Hesperiden wurden daraufhin entweder als Goldene Äpfel, als persische Äpfel, als Äpfel der Hesperia oder als Zitrusfrucht bezeichnet. Auf diversen Gemälden sind sie mal als Zitronen, mal als Äpfel oder sogar als Orangen dargestellt. Allerdings gelten die Früchte der Hesperiden in der griechischen Mythologie seit der Antike fix als Zitrusfrüchte. Nun ja, dieses Hin und her zwischen Äpfel und Zitronen hatten wir ja schon mal …

Hubert und Jan van Eyck: Genter Altar

Zuerst Eva …
Dass in der christlichen Bibel bei der Geschichte mit Adam, Eva und der Schlange im Paradies auch kein Apfel im Spiel war, habe ich in Der Apfel wars gar nicht! ja schon erzählt. In der frühchristlichen Kunst wurde die Frucht vom Baum der Erkenntnis noch manchmal als Feige interpretiert, teilweise auch als Granatapfel. Und später eben als Zitrone – ganz wie bei der Geschichte mit den Hesperiden.

Eines der berühmtesten christlichen Meisterwerke, der sogenannte Genter Altar der Brüder van Eyck, zeigt auf einer schmalen Tafel an der rechten Seite die nackte Eva. Sie ist – genau wie Adam – in ihrer natürlichen Körperlichkeit dargestellt, als weiblicher Mensch. Nachdem beide ihre Scham mit einem Feigenblatt bedecken, sind sie sich also ihrer Nacktheit schon bewusst. Das bedeutet, diese Darstellung bezieht sich auf einen Zeitpunkt nach der Vertreibung aus dem Paradies.

Genter Altar, Detail: Adam, Eva

In ihrer rechten Hand hält Eva natürlich wieder keinen Apfel – sondern eine Zitrusfrucht. Blickt sie eigentlich verführerisch zu Adam dabei? Ich weiß nicht so recht. Oder eher vorwurfsvoll? Im Sinne von: „Du wirst diese Frucht doch nicht nehmen?“.

Diese kleine, dunkelgelbe Frucht hat eine stark genarbte Oberfläche und ist eine Sorte einer sogenannten Zitronatzitrone. Gepflückt vom Baum der Erkenntnis, was zur Vertreibung aus dem Paradies führte, symbolisiert sie hier den Sündenfall. Diese Zitrusfrucht wird teilweise ganz spezifisch als Adamsapfel identifiziert: eine Frucht mit einer ringförmigen Vertiefung in der Mitte, die man symbolisch als Spur eines Bisses in die Frucht interpretieren kann. Umgangssprachlich unter anderem als Zedernapfel, Judenapfel oder Apfel aus Medien bezeichnet …  Und wieder ein Apfel-Zitronen-Gemurkse.

… dann Maria
In vielen Gemälden wird auch die Gottesmutter Maria mit dem Jesuskind und Zitronen dargestellt. Die Zitrusfrucht ist dabei ein verbindendes Element zwischen der Ur-Mutter Eva und der Gottesmutter Maria. Mit dem Pflücken der Zitrusfrucht vom Baum der Erkenntnis brachte Eva die Ursünde über die Menschheit. Nun ist es die Tugend und Reinheit von Maria, der neuen Eva, die diese Schuld überwindet. Wie? Durch das Schicksal ihres Kindes.

Giovanni Bellini: Madonna mit Kind

Maria blickt in diesem Bild ins Leere oder in die weite Ferne, wo sie bereits die Zukunft ihres Kindes sieht. Sie weiß, was geschehen wird. Sie hält ihrem Sohn, dem Jesuskind und neuen Adam, eine Zitrone hin. Als Symbol steht sie für die Ursünde und indem der Knabe danach greift, nimmt er sein Schicksal an: Er wird den Sündenfall der Menschheit überwinden. Durch seinen Opfertod am Kreuz und seine Auferstehung wird die Erbsünde getilgt werden. „Jesu Kreuz ist der Lebensbaum, der die Menschheit vom Todesbaum des Sündenfalls erlösen wird.“ Dadurch wird auch die Zitrusfrucht von einer verbotenen Frucht einem Symbol von Reinheit, Unschuld und Erlösung.

… und die Unbefleckte Empfängnis
Nicht nur die Zitrusfrucht, sondern auch der Baum als Ganzes wird als Symbol verwendet. Im Gemälde von Girolamo dai Libri ist eine Besonderheit der Zitrusgewächse gut zu erkennen: Der Baum trägt gleichzeitig Blüten und ausgereifte Früchte. Im Christentum steht er somit auch für Reinheit und Fruchtbarkeit.

Girolamo dai Libri: Anna selbdritt

Vor einem Zitronenbaum sind hier die Heilige Anna, die Mutter von Maria, sowie Maria mit dem Jesuskind dargestellt. Die Figuren wirken beinahe wie miteinander verschmolzen, sie bilden eine Einheit. Über ihren Köpfen erhebt sich die Baumkrone wie eine Gloriole, ein Heiligenschein.

Anna wurde nach jahrelanger kinderloser Ehe mit Joachim im Alter unerwartet schwanger. Durch einen Akt göttlicher Gnade blieb Maria, obwohl also auf natürlichem Weg gezeugt und geboren, von der Erbsünde verschont. Das Zitrusgewächs symbolisiert hier also einerseits die unbefleckte Empfängnis Marias durch Anna sowie andererseits die jungfräuliche Mutterschaft Marias – als Symbol für die Reinheit, Jungfräulichkeit und auch Fruchtbarkeit.

Ihr habt nun den Eindruck, das ist alles etwas viel an Symbolik? Fein, nächstes Mal lege ich eines drauf, denn auch im Judentum, im Buddhismus und im Hinduismus braucht es offensichtlich Zitronen. 🙂


Infos & Quellen
*Germanisches Nationalmuseum Nürnberg (Hg.): Die Frucht der Verheißung; Ausstellungskatalog, Nürnberg 2011.
*Zitat: Katalog S.96.

Bilder:
*Titelbild: RichardJohn, Pixabay.
* Edward Burne-Jones: Der Garten der Hesperiden, zwischen 1869 und 1873. Hamburger Kunsthalle.
*Lukas Cranach der Ältere: Herkules raubt die Äpfel der hesperiden, nach 1537. Wikipedia.
*Hubert und Jan van Eyck: Genter Altar, ca. 1432 fertiggestellt. Wikipedia.
*Zitronatzitrone „Adamsapfel“: Wikipedia.
*Giovanni Bellini: Madonna mit Kind, 1460/65. Wikipedia.
*Girolamo dai Libri: Anna selbsdritt, zwischen 1510-1518. Wikimedia, The National Gallery.
*Zitrone: FelixMittermeier, Pixabay. 

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