Wenn Leckerbissen in Wien aufmarschieren

Aufwendig arrangierte Speisen, essbare Skulpturen aus Fleisch und Wurst, eine Languste als Luftschiff – derartige Inszenierungen von Speisen gab es nicht nur am Hof des Kaisers von China im 18. oder 19. Jahrhundert oder bei den Futuristen in den 1930er Jahren. Nein, auch im Wien des Jahres 1928 wurde die Kreativität der Kochkunst aufs Höchste gefeiert – und zwar mit einer Ausstellung.

Am Donnerstag, den 22. November 1928, berichtete die Tageszeitung Neuigkeits.Welt.Blatt in Wien gleich auf der Titelseite über „Eine schmackhafte Kunstschau im Wiener Kursalon“, über eine „Schau der leckersten und schönsten Gerichte“.

Auf Seite 3 der Zeitung folgte eine detaillierte Berichterstattung. Im Kursalon Hübner im Wiener Stadtpark startete am 20. November 1928 die Oesterreichische Kochkunstschau, organisiert vom Verband der Köche Oesterreichs, eröffnet durch den Herrn Bundespräsident höchstpersönlich.

Man hatte hohe Ziele, schließlich sollte diese Veranstaltung der Auftakt zu einer künftig internationalen Kochkunstschau in Wien sein. „Die Ausstellung ist in der Tat eine Parade der verschiedensten Leckerbissen, die in einem prächtigen Rahmen in wirklich künstlerischen Formen und Gebilden aufmarschieren.“ Extra lobend erwähnt wurde übrigens auch die Diätküche des Semmeringsanatoriums.

„Unser Bild zeigt oben in der Mitte einen hübsch geformten Turm aus Marzipan, rechts davon ein Detail aus einem Meeresidyll, darunter künstlerisch drapiertes Geflügel, links einen ausgespannten Ochsen, daneben ein aus einer Langouste geformtes Luftschiff, anschließend daran eine aus Fett und Fleisch geformte Jacke, in der Ecke links unten einen Löwen aus Marzipan und daneben einen korrekt gedeckten Speisetisch.“

Alle diese Köstlichkeiten sowie die Kreativität der österreichischen, speziell der Wiener Küche, verführten zu Schwärmereien. Der Burgschauspieler Carl Edler von Zeska wurde zu diesem Anlass sogar poetisch:

*
„Willst schmackhaft du die Zeit vertrödeln,
Genieße Wiener Zwetschkenknödeln.
Sehr gut ist junges Gänselein,
Auch Wiener Schnitzel sind gar fein;
Dem Rindfleisch aber, dem aparten,
In seinen vielfach schönen Arten,
Dem muß ich heut´vor allen Dingen
Das allerhöchste Loblied singen.

Doch Mehlspeisen in Wiener Art,
So süß und schmackhaft, fein und zart,
Die geh´n mir nicht mehr aus dem Schädel –
Sie gleichen nur dem „Wiener Mädel“!

Ich glaub´, daß unsere Wienerstadt
Die allerbeste Küche hat,
Die schönsten Frau´n, den besten Wein,
Ich freue mich, Wiener zu sein.
*

Die Wiener Küche ist ja angeblich weltweit die einzige, die nach einer Stadt benannt ist. Und: In Österreich existiert ein hochoffizielles staatliches Register, in dem die heimischen traditionellen Lebensmittel als Kulturgut gelistet sind – ja, was es nicht alles gibt, nicht? Diese Liste ist auch bei der UNO, genauer gesagt bei der Weltorganisation für geistiges Eigentum gemeldet. Damit war Österreich das erste Land, das sein kulinarisches Kulturerbe international registrieren ließ.

Derzeit beginnt dieses Register mit A wie Almochse und endet mit Z wie Zweigelt :-). Das Wiener Schnitzel hat übrigens die offizielle Registriernummer 169, damit das mal geklärt ist.

Aufgenommen in diese Liste werden nur jene Produkte und Speisen, die seit mindestens drei Generationen oder 75 Jahren mit traditionellem Wissen (whatever that means …) in Österreich kultiviert oder verarbeitet werden. Da fragt frau sich natürlich, ob das dann alle paar Jahre auch überarbeitet, gekürzt bzw. ergänzt wird?

ArtFood: Essen mit Kunst.


Infos & Quellen
*Zitat: Zeitschriftendatenbank ANNO der Österreichischen Nationalbibliothek – eine unglaubliche Fundgrube.
*Liste der traditionellen österreichischen Lebensmittel: Landwirtschaftsministerium (sortiert sogar nach Bundesländern), Wikipedia
*Wiener Küche: wiki Wien.

Bilder:
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Titelbild: JamesDeMers, Pixabay. 
*Titelseite der Zeitung Neuigkeits.Welt.Blatt: ANNO Datenbank Historischer Zeitungen und Zeitschriften der Österreichischen Nationalbibliothek. 
*Kursalon im Stadtpark: Wien Museum.
*Grießnockerlsuppe: Wikipedia. Lizenz CC BY-SA 4.0.
*Schnitzel: Reinhard Thrainer, Pixabay. 
*Gänsebraten: Matěj Vrtil, Pixabay.
*Tafelspitz: Wikipedia. Lizenz CC BY-SA 2.5.
*Guglhupf: Manfred Richter, Pixabay.
*Sachertorte: jirikraus, Pixabay.
*Zwetschkenknödel: felicia_luciana, Pixabay. 
*Wein: congerdesign, Pixabay. 
*Leberkäsesemmel: Wikipedia. Lizenz CC BY-SA 2.5.
*Schnitzel: Reinhard Thrainer, Pixabay.

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