… und verzehren das friedliche Fleisch ihres zärtlichen Herzens

Pablo Neruda, den Namen vielleicht schon mal gehört? Er war ein chilenischer Dichter und Schriftsteller, geboren am Anfang des 20. Jahrhunderts, tätig im chilenischen diplomatischen Dienst und Zeit seines Lebens politisch engagiert, insbesondere gegen den Faschismus.


Bekannt ist Pablo Neruda für seine Oden – eine spezielle Form von Gedichten, meist sehr lang, oft ohne Reim und in einem eher feierlichen Stil, also eine Art lyrischer Lobgesang. Neruda hat zahlreiche solcher langen Gedichte verfasst – und davon auch viele den unterschiedlichsten Lebensmitteln gewidmet: dem Brot, der Seeaalsuppe, der Zwiebel, dem Wein, dem Thunfisch auf dem Markt, der Teebüchse, der Zitrone und viele mehr.

Hier und heute: Die Ode an die Artischocke aus dem Jahr 1954.


Ode an die Artischocke
Aus Gründen des Copyrights darf ich hier nicht einfach das ganze lange Gedicht wiedergeben. Daher erzähle ich ein wenig darüber und nehme nur einzelne Zitate hier auf.

„Die Artischocke
mit zartem Herzen
kleidete sich als Krieger;
steif aufgereckt, schuf sie
ein kleines Kuppelgewölbe
… unter ihren Schuppen
undurchdringbar; …“

Die Artischocke wird hier also als eine Art wehrhaftes Gemüse dargestellt, sie wird sogar mit einer Granate verglichen. In ihrer Umgebung wachsen Knollengewächse, Karotten, Weinreben, Kohl und Majoran. Eines Tages aber ist das Leben am Felde zu Ende und es geht Richtung Markt. Für die Artischocke kein Grund zu Traurigkeit, denn:

„… zum Markt,
ihren Traum zu verwirklichen:
den Kriegsdienst.
Niemals,
als sie noch in Reihen wuchsen, war es
so kriegerisch zugegangen
wie auf diesem großen Markt …“

Die Gemüseverkäufer sind wie „Feldmarschälle“, es ertönen „Kommandorufe“. Schließlich kommt Maria auf den Markt. Die Artischocke wird beim Einkauf wohl genau geprüft und begutachtet, landet aber letztlich ganz achtlos im Einkaufskorb:

„… unter ein Paar Schuhe,
einen Kohlkopf und eine
Flasche
Essig, …“


Nun ja, es kommt wie es kommen muss: es geht Richtung Küche, die Artischocke wird gekocht. Aber auch das kein Anlass für melancholische Gedanken:

„So endet in Frieden
die Laufbahn
dieser wehrhaften Pflanze

und dann
lösen wir
Schuppe um Schuppe
der Köstlichen ab
und verzehren
das friedliche Fleisch
ihres zärtlichen Herzens.“


Infos & Quellen

*Pablo Neruda, chilenischer Dichter & Schriftsteller, 1904–1973. Wikipedia.
*Zitate entnommen aus: Karsten Garscha (Herausgeber): Pablo Neruda. Elementare Oden, Neue Elementare Oden, Drittes Buch der Oden; übersetzt von Erich Arendt, Luchterhand Verlag 1985.

Bilder:
*Foto Pablo Neruda: Wikipedia.
*Artischocke mit Gedicht: Alice Schmatzberger.
*Artischocke stachelig: Bild von Capri23auto auf Pixabay.
*Artischockenköpfe: Bild von djedj auf Pixabay.
*Artischockenherz: Pixabay Bild von Billy Bob auf Pixabay.

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