Über das Essen. Philosophische Erkundungen III. Wurst & Wahrheit

Hier wieder einmal philosophische Überlegungen zum Essen – denn, wie ich ja schon öfters erwähnt habe, dient mir die Gastrosophie, also die Philosophie von Lebensmittelproduktion und Esskultur, hier bei ArtFood als ein denkerischer Leitfaden.

Diesmal also das nächste Kapitel von Harald Lemkes Buch „Über das Essen. Philosophische Erkundungen“.

Mit Nietzsche geht es um die Wurst
Ausgangspunkt ist diesmal der deutsche Philosoph Friedrich Nietzsche (1844 – 1900). Er ist für Vieles bekannt – kaum aber für seine Überlegungen zum Essen. Dabei „gehört [er] zu den ganz wenigen namhaften Denkern, die auf die Dringlichkeit einer philosophischen Haltung zum Essen hingewiesen haben.“

„Kennt man die moralischen Wirkungen der Nahrungsmittel? Gibt es eine Philosophie der Ernährung?“ fragte er und erhob gleichzeitig seine gastrosophische Forderung: dass wir unsere intellektuellen und künstlerischen Energien mehr auf die alltäglichen Angelegenheiten des Essens lenken.

Friedrich Nietzsche

Warum musste man diese Fragen Ende des 19. Jahrhunderts so betonen? Weil schon seit der Antike, seit Aristoteles, körperliche Belange wie kochen, essen, trinken oder Sex für die westliche Philosophie als intellektuell uninteressant galten. Das Nachdenken über das Essen und seine Folgen wurde nicht nur gemieden, sondern als minderwertig erachtet – das ging eben so weit, dass, wenn jemand wie Nietzsche über diese Themen nachgedacht hatte, das kaum rezipiert wurde.

Worum geht´s, wenn´s um die Wurst geht?
Friedrich Nietzsche jedenfalls machte das Essen zu einem „Objekt des Nachdenkens und Umbildens“. Denn für ihn war klar, dass „in der täglichen Lebensgestaltung mehr praktische Ethik und mögliche Vernunft stecken [können] als in der bloßen Befolgung moralischer Pflichten.“


Ausgangspunkt seiner philosophischen Überlegungen war „seine eigene unersättliche Fleisch- und Wurstlust.“ Von seiner Mutter und seiner Schwester erhielt er regelmäßig „Fresspakete, gefüllt mit Braunschweiger Würsten und Schinken aus Naumburg“, auch schwärmte er von saftigem Rindfleisch am Knochen.

Das Nachdenken über seine „kulinarische Wurstlust“, gesundheitliche Überlegungen sowie seine Tierliebe brachten ihn schließlich dazu, ein vegetarisches Selbstexperiment zu starten. Dabei probierte er auch Fleischersatzprodukte – ja, das gab es damals auch schon, zum Beispiel das damals neue „Næhrmittel“ Malto-Leguminose, also Eiweiß aus Hülsenfrüchten.

Seine Erkenntnis: der geistige Zustand des Menschen ist auch eine „ebenso physische wie moralische Folge seiner Lebens- und Ernährungsweise“.

Und obwohl ihm die fleischlose Kost körperlich und geistig guttat, fiel er in die alten Gewohnheiten zurück: es schmeckte ihm nicht, das ethische Durchhaltevermögen schwand und er erlag „dem moralisch unvernünftigen und kulinarisch schlechten, alles in allem unheilvollen Geschmack seiner Mitmenschen.“ Ewig wiederkehrend krank, ging er im Alter von 35 Jahren in Frühpension und starb mit 56 in geistiger Umnachtung.

Wurst & Wahrheit
„Mit Nietzsche geht es um die Wurst und damit um die Wahrheit an sich und die Wahrheit einer fragwürdigen Ernährungs- und Lebensweise.“ stellt Harald Lemke fest. Für ihn sind Wurst & Wahrheit „wesensverwandt“.

Das bedeutet: Wie die Wurst ist auch die Wahrheit nie rein, sie besteht nicht aus einem einzigen Stück. „Die Wahrheit ist wie jede Wurst verhüllt und aus raffinierten Bestandteilen zusammengesetzt“, so Lemke weiter. Die Wahrheit existiert nur als etwas Verwurstetes, das „inhaltlich aus den verschiedensten Teilen, Nuancen, Mischungen, Wirkungen und Würzungen zusammengesetzt ist“.

„Ohne Bedenken gegenüber den Halbwahrheiten ihrer Herkunft, gegenüber ihren fragwürdigen Zusammensetzungen und deren Wirkung auf uns und alles andere, werden sie [die Wahrheiten; Anm.] gedankenlos geschluckt, verschlungen und nicht selten unverdaut wieder ausgeschieden, ausgesprochen und weitergegeben.“

Den Dingen und Realitäten ist also von außen gesehen kaum ihre Wahrheit, ihr Inhalt anzumerken – so wie der Wurst. Beide haben mitunter eine oberflächlich schöne Erscheinung, hinter der sich alles Mögliche verbergen kann. Und beide sollten nicht gedankenlos konsumiert werden.

Wurstproduktion & Wahrheit
Schöne Oberfläche, fragwürdiger Inhalt – das gilt also für Wahrheit wie für Wurst. Und erst recht für die Produktion von Wurst.

Mit der Wurst verleibt man sich auch die Wahrheit über ihren Inhalt, Zusatzstoffe und die Art der Herstellung ein. Als Beispiel nennt Harald Lemke unter anderem jene Vorschriften, Standards und Handelsnormen, die bestimmen, was in eine Wurst hinein muss bzw. darf.

In Österreich sind diese Rezepturen im sogenannten Lebensmittelbuch festgelegt. Beispiel Leberkäse, in einer Semmel mit oder ohne Gurkerl ein sehr beliebter schneller Snack: er muss weder Leber noch Käse enthalten. Enthält er jedoch Käse muss er „Käseleberkäse“ heißen.

Zur Wurst-Wahrheit gehören auch das mit der Produktion von Fleisch oder Wurst verbundene Tierleid sowie das „profitable Veredelungsgeschäft der fleischverarbeitenden Industrie“ – und die damit verbundenen regelmäßig auftretenden Lebensmittelskandale, sei es im Zusammenhang mit dem Tierschutz, sei es das Verarbeiten von Tierresten oder von verdorbenem Fleisch.

Kulinarischer Immoralismus
„Wir wissen längst mehr als uns lieb ist darüber, wie viel realer Wahnsinn und unappetitliche Wahrheit in einer handelsüblichen Wurst stecken. … Der ungebändigte Wille zur Wurst ist ein kulinarischer Immoralismus …, den gegenwärtig die Meisten von uns gerne praktizieren.“

Und wie weiter?
Was nun? Das sollte ja nicht das Ende der Überlegungen sein. Daher finde ich es ganz wichtig, dass Lemke auch einen möglichen künftigen Umgang mit dem Lebewesen Tier und dem Verzehr seines Fleisches skizziert.

Die notwendige Änderung im Rahmen einer ethischen Ernährungswende meint vor allem die Reduktion des Fleischkonsums. „Tierhaltung [kann] nur eine notwendige Ergänzung zum Anbau von Ackerfrüchten sein und nicht länger dessen Konkurrent, der einen Großteil der globalen Getreideernte sowie der Erd-Ressourcen verschlingt.“ Die simple Forderung „weniger und bessere Qualität“ ist allerdings nicht konkret genug.

Menschenrecht auf Fleischverzehr & rituelles Festmahl
Denn wieviel ist genug oder richtig? Für Lemke besteht „eine zentrale gerechtigkeitsethische Aufgabe der gastrosophischen Selbstbestimmung der Menschheit darin, ein vernünftiges Maß zu bestimmen.“

Vergleichbar den Emissionsrechten im Zusammenhang mit der Reduktion von CO2 in der Luft sollte es für Lemke ein „Menschenrecht auf Tierfleischverzehr“ geben. Nach – wahrscheinlich sehr langen und intensiven – politischen Diskussionen sollte gesetzlich festgelegt werden, welche Menge an tierischen Lebensmitteln pro Person erlaubt ist.

Klingt … absurd? Vielleicht im Moment. Jedenfalls sind andere Wege als bisher notwendig, um die Folgen der zeitgenössischen Produktion von tierischen Lebensmitteln für die Umwelt, das Tierwohl und die Gesundheit zu reduzieren.

Denn: „… das allgemeine Wissen um die schrecklichen Konsequenzen des modernen Fleischkonsums [hat] bislang nicht ausgereicht, um die notwendigen Verhaltensänderungen hervorzurufen.“

Der deutlich reduzierte Fleischkonsum könnte in weiterer Folge auch die Art des (meist gedankenlosen) Verzehrs verändern: „Eine zukunftsfähige Tischgesellschaft könnte zu rituellen Festmählern und archaischen Dionysien zurückfinden … wie in der Antike: an bestimmten Tagen wurde im Rahmen einer kultischen Mahlfeier oder eines sokratischen Symposions ein Tier geopfert und anschießend in Ehrerbietung und Dankbarkeit kollektiv verspeist.“

Kurz gesagt: es geht also darum, die eigene ästhetische Existenz inklusive Essen selbst und selbst-verantwortlich zu gestalten – und somit auch zu überlegen, wie man als einzelner Mensch bzw. als Gesellschaft künftig mit der Fragestellung des Fleischverzehrs umgehen soll.

ArtFood: Essen mit Kunst.

PS: Bisherige Postings zum Thema: Über das Essen Teil I und Über das Essen Teil II.


Infos & Quellen
*Harald Lemke: Über das Essen. Philosophische Erkundungen; Wilhelm Fink Verlag München; 2014.
*Codex Alimentarius Austriacus: Österreichisches Lebensmittelbuch.

Bilder:
*Raffael: Schule von Athen, 1510/1511. Wikipedia.
*Friedrich Nietzsche, fotografiert von Friedrich Hermann Hartmann (ca. 1875): Wikipedia.
*Hängende Würste: Peter Fuchs, Pixabay.
*Buchcover „Die Ernährungsgesetze Liebig´s in neuester Fassung und das neue Nährmittel Malto-Leguminose“, 1878: google books.
*Wurst mit stiefmütterchen: Wolf-Henry Dreblow, Pixabay.
*Wurst angeschnitten: Bruno, Pixabay.
*Leberkäse: Rita-👩‍🍳, Pixabay.
*Verschiedene Sorten Würstel: PublicDomainPictures, Pixabay.
*Kühe: Peggy und Marco Lachmann-Anke, Pixabay.
*Fleisch: Alice Schmatzberger.
*Symposium: Wikipedia.

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