Maria und das Ei

Eine etwas kühle Zusammenkunft, die hier stattfindet, nicht? Jedenfalls haben alle Beteiligten sehr ernste Mienen, vielleicht kann man es aber auch feierlich nennen.

Piero della Francesca: Pala Montefeltro; ca. 1472-1474.

Das Zentrum dieses Bildes ist unverkennbar die thronende Madonna. Auf ihrem Schoß das schlafende Jesuskind, beide umringt von Heiligen und Engeln. Vorne rechts kniet der „Stifter“, also der Auftraggeber dieses Bildes, der damalige Herzog von Urbino.

Für Artfood – Der etwas andere Foodblog ist natürlich ein ganz spezifisches Detail an diesem Altarbild interessant: In der muschelförmigen Halbkuppel hängt über dem Kopf der Madonna an einer goldenen Kette ein weißes Ei.

Piero della Francesca: Pala Montefeltro (Detail)

Das Ei spielt in etlichen Schöpfungsmythen eine zentrale Rolle. Als Symbol steht es meist für den Anfang, den Ursprung, für Geburt bzw. das Leben, auch für das Leben nach dem Tod, die erwachende Natur, für einen Neubeginn, für Verjüngung oder Fruchtbarkeit. Im religiösen Kontext gilt es oft als Symbol für die göttliche Vollkommenheit. Im europäischen Mittelalter stellte das Ei in der Kirche vermutlich auch die innere Erleuchtung dar und wurde deshalb an einer für alle Gläubigen gut sichtbaren Stelle hoch oben befestigt.


In dem erwähnten katholischen Madonnenbild aus dem Jahr 1474 hat das Ei eine zusätzliche spezielle Bedeutung: es verweist auf die Zukunft des schlafenden Jesuskindes. Als Christus wird es später am Kreuz sterben. Das Grab hält Christus verschlossen, das Ei hält Leben in sich verschlossen. Das Ei symbolisiert hier also den Neubeginn, der durch die Auferstehung Christi stattfindet.


Eventuell handelt es sich bei dem Ei über Marias Kopf sogar um ein Straußenei. Diese waren oft in Kirchenräumen zu finden, insbesondere in den katholischen Ostkirchen bzw. den byzantinischen Kirchen. Der Vogel Strauß galt als Vorbild Christi, da er seinen Jungen nach mittelalterlicher Auffassung durch Vergießen seines Blutes zum Licht verhalf. Auch hier geht es also um Erlösung und Auferstehung: Christus vergiesst sein Blut am Kreuz und schlüpft dann aus dem Grab, aus dem Tod, wie ein Küken aus dem Ei – ein neuer Anfang ist gemacht.

Videostill; Martin Schmitz

Das negative Ei
Aber es kann nicht nur Friede, Freude und Eierkuchen sein. Es existiert auch ein Gegenstück, ein negatives Ei sozusagen – das Ei des Basilisken.


Der Basilisk ist ein Fabelwesen: ein Hahn mit Eidechsen- oder Schlangenschwanz oder eine Mischung aus Hahn und Kröte. Manchmal trägt er als Schlangenkönig auch eine kleine Krone. Er entsteht aus einem missgebildeten Hühner- oder sogar Hahnenei, das von der Hölle befruchtet wird und dann in warmem Mist oder von einer Kröte oder Schlange ausgebrütet wurde. Das kann ja nicht gut gehen …

Als Negativ-Symbol steht der Basilisk für die Sünde, die Wollust, den Neid, den Tod, den Teufel oder den Antichrist. In der christlichen Kunst wird der Basilisk daher oft unter den Füßen Christi liegend wiedergegeben, der ihn zertritt – ein Zeichen des Sieges über das Böse.

PS:
Hier noch die kurze Geschichte vom Basilisken in der Wiener Schönlaterngasse, der im Jahr 1212 von einem mutigen Bäckergesellen bezwungen wurde, welcher daraufhin die Tochter des Bäckermeisters zur Frau bekam.


Infos & Quellen
*Piero della Francesca, italienischer Maler der Frührenaissance, ca. 1410 oder 1420 bis 1492. Wikipedia.
*Details zum Bild Pala Montefeltro, auch Madonna mit Kind und Heiligen und dem Stifter Federico da Montefeltro genannt, eines der bekanntesten Gemälde der italienischen Renaissance. Wikipedia.

Bilder:
* Piero della Francesca: Pala Montefeltro (Madonna mit Kind und Heiligen und dem Stifter Federico da Montefeltro), ca. 1472-1474. Wikipedia.
* Eier weiß mit Feder: Bild von congerdesign auf Pixabay.
*Leere Eischale: Bild von Mabel Amber auf Pixabay.
*Jesus & Ei: Still aus einem Video von Martin Schmitz. Kirche & Leben.
*Marmoriertes Ei (Detail): Bild von Viergacht auf Pixabay.
*Basilisk: Wikimedia.

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