Die Unvermeidlichen …

Wenn über Essen in Kunst & Kultur gesprochen oder geschrieben wird, werden fast immer folgende zwei Beispiele erwähnt: die Madeleines in Auf der Suche nach der verlorenen Zeit sowie das Futuristische Manifest von Thomas Marinetti. Beide Konvolute werden aber selten wirklich gänzlich gelesen.

Nun, da muss ich mich wohl unvermeidlicherweise auch einreihen, heute also mit den unvermeidlichen Madeleines. 🙂

Und auch ich hatte bis kurzem wenig Idee über den Roman Auf der Suche nach der verlorenen Zeit – wobei, ich weiß nicht, ob „Roman“ die richtige Bezeichnung ist …

Auf der Suche nach der verlorenen Zeit ist ein siebenbändiges Werk von Valentin Louis Georges Eugène Marcel Proust, veröffentlicht in Etappen zwischen 1913 und 1927 und bezeichnet als „literarisches Universum, das nahezu alle philosophischen und psychologischen Fragen seiner Zeit behandelte oder vorwegnahm“ oder als „eines der bedeutendsten erzählenden Werke des 20. Jahrhunderts.“

Auf rund 4.296 Seiten erinnert sich ein anonymer Ich-Erzähler, der wahrscheinlich sehr viel mit dem realen Marcel Proust gemeinsam hat, an seine Kindheit und Jugend in einem kleinen französischen Ort namens Combray. (Das ist jetzt etwas profan ausgedrückt, aber das hier ist ja kein Literatur-Blog.)

Genauer gesagt: der Erzähler versucht sich zu erinnern, lange Zeit vergeblich: „So kam es, dass ich lange Zeit, wenn ich nachts erwachte und mich wieder an Combray erinnerte, davon nichts als nur eine Art von erleuchtetem Mauerstück sah“. „Es ist verlorene Liebesmüh, dass wir versuchen, sie [die Vergangenheit] zu beschwören, alle Anstrengungen unseres Verstandes sind vergeblich.“

Auf Seite 67 kommt endlich das süße, muschelförmige Gebäck namens Madeleine ins Spiel. Madeleines waren in Frankreich schon seit dem späten 18. Jahrhundert sehr beliebt, insbesondere bei Teegesellschaften. Zur Bezeichnung dieses Gebäck kursieren natürlich mehrere Geschichten, durchgesetzt hat sich jene, wonach der Name an eine Bäckerin oder Küchenmagd am Hof des Herzogs von Lothringen erinnern soll.

Es ist also ein kalter Wintertag, der Erzähler kommt nachhause, wo ihm seine Mutter vorschlägt, entgegen seiner Gewohnheiten aufgrund der klirrenden Kälte ein wenig Tee zu trinken.

„Sie ließ einen dieser gedrungenen rundlichen Kuchen bringen, die „Petite Madeleine“ genannt werden. Und bald führte ich … einen Löffel Tee, in dem ich ein Stück Madeleine hatte aufweichen lassen, zu den Lippen. Und im gleichen Augenblick, in dem dieser Schluck, mit den Krümeln des Kuchens vermischt, meinen Gaumen berührte, fuhr ich zusammen, gebannt durch das Außergewöhnliche, das sich in mir vollzog. Eine freudige Erregung hatte mich durchströmt … Ich spürte, dass sie mit dem Geschmack des Tees und des Kuchens verbunden war … Ich stelle die Tasse ab und wende mich meinem Geist zu.“

Dieser Geschmack, dieser Sinneseindruck hervorgerufen durch Gebäck und Tee, weckt schließlich jede Menge Erinnerungen und Assoziationen in ihm, eine ganze Welt eröffnet sich durch den Genuss dieser Süßigkeit. Es beginnt mit der Erinnerung an seine Tante Léonie, die ihm als kleinem Jungen sonntagsmorgens in Combray ein Stück Madeleine angeboten hatte, „nachdem sie es in ihren Aufguss von Teeblättern oder Lindenblüten getaucht hatte.“

Interessant, wie der Geschmack (nicht der Anblick!) eines so einfachen Gebäcks so eine Fülle an Assoziationen, Erinnerungen, Gefühlen hervorrufen kann, denn nun erinnert sich der Erzähler auch an Nachbars Garten, an seine Jugendliebe, an die Seerosen, an die Straßen und Menschen im Dorf … – an so vieles, dass es für weitere 4.229 Seiten reicht.

Die Erinnerung und ihr unzertrennlicher Gefährte, der Geschmack
Dieser Effekt, nämlich das plötzliche Auftreten von Erinnerungen aufgrund eines Geschmacks oder Geruchs, wird mittlerweile auch ganz offiziell als Madeleine-Effekt oder Proust-Effekt bezeichnet. Es ist ein emotionales und unabsichtliches Erinnern, ausgelöst durch eine sinnliche Erfahrung wie Riechen oder Schmecken. In Auf der Suche nach der verlorenen Zeit steht diese „wahre Empfindung“ im Gegensatz zum willentlichen Erinnern, „die Erinnerung des Verstandes.“ Die „Auskünfte, die diese willentliche [Erinnerung] über die Vergangenheit liefert“, bewahren jedoch nichts von ihr, „sie sind wie tot“.

Gänzlich anders ist das, wenn unsere Sinne ins Spiel kommen. Wer kennt das nicht? Ein Geschmack, der plötzlich an den letzten Urlaub am Meer erinnert oder etwas, das „wie aus Oma´s Küche“ riecht. Wie ich in den Erläuterungen zu diesem Blog schon geschrieben habe, ist Essen eben sehr viel mehr als Nahrungsaufnahme, es kann auch Heimat, Erinnerung und Trost sein und mit Fragen der eigenen Identität verknüpft sein.

Und: „Gerüche wurden auch schon immer als Quelle der Inspiration genutzt“ erklärt das Online-Enzyklopädie aus den Wissenschaften Psychologie und Pädagogik, „wofür auch die Bedeutung des Wortes im Sinne vom Einatmen einer Situation spricht.“ Der Geruchssinn ist der unmittelbarste der menschlichen Sinne – und daher sind Gerüche die häufigsten, unmittelbarsten und hartnäckigsten Auslösereize für unwillkürliche Erinnerungen.

Im Posting Dem Manet sein Spargel  habe ich geschrieben: „… Marcel Proust, in dessen Romanwerk Auf der Suche nach der verlorenen Zeit unter anderem über dieses Spargelbild diskutiert wird.“ Also, wenn immer es auf den restlichen 4.229 Seiten ausführlich ums Essen geht, werde ich hier wieder darüber erzählen. 


Infos & Quellen
*Zitate entnommen: Proust, Marcel: Auf der Suche nach der verlorenen Zeit; Gesamtausgabe, Neuübersetzung Bernd-Jürgen Fischer, Reclam Verlag.
*Online-Enzyklopädie aus den Wissenschaften Psychologie und Pädagogik.
*Wieso wäre die Madeleine fast ein Zwieback gewesen? YouTube (4m 14s).

Bilder:
*Titelbild: Albert Anker, Tee und Schmelzbrötchen, 1873. Wikipedia.
*Home baked Madeleines: Wikimedia, Public Domain.
*Madeleine & Teeservice: Hausenblas, Pixabay.
*Madeleines & Glasschale: La Fontaine, Pixabay.
*Madeleines & Backform: SweetMellow, Pixabay.

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