Urbild Orange

Orangen: süß, säuerlich und saftig. Gerne in einem selbstgemachten Glühwein? Eine luftige Orangen-Mousse mit Cantuccini? Geschmorte Ente à l’Orange aus dem Ofen? Oder vielleicht doch am liebsten gemeinsam mit prickelndem Prosecco und herbem Aperol? 🙂

Vieles gibt es über die Orange zu erzählen: etwa, dass ihre süße Variante erst im 15. Jahrhundert nach Europa kam, dass ihr in der Traditionellen Chinesischen Medizin eine kühlende Wirkung zugeschrieben wird, dass sie angeblich die weltweit am häufigsten angebaute Zitrusfrucht ist oder dass ihre eigentliche Farbe meistens Grün ist.

Die aus meiner Sicht ungewöhnlichsten Gedanken zur Orange hat sich der chilenische Dichter und Schriftsteller Pablo Neruda gemacht. Er ist hier bei ArtFood schon mit einer Ode an die kriegerische Artischocke sowie an den Großen Thunfisch vertreten.

Hier nun Auszüge aus seiner Ode an die Orange (ihr wisst schon, Copyright und so).

Ode an die Orange

 Nach deinem Bildnis,
deinem Urbild,
Orange,
formte sich die die Welt:
rund die Sonne, von
Schalen Feuers umschlossen:
die Nacht übersternte mit Orangenblüten
ihre Bahn, ihr Schiff.

Du meine
Heimaterde,

wenn ich
in dein Licht
mich wende,

zu den Graten hin
des andinischen Erzes,

begreife ich, daß du,
Planet,
eine Orange bist,
Frucht des Feuers.

Auf deiner Haut fügen sich
die Länder zusammen,
vereint
wie Scheiben einer einzigen Frucht,
und Chile,

ist ein großer Orangengürtel.

Orangen sei
das Licht
eines jeden
Tags,
und das Herz des Mannes,

sei süß und herb:
Quell der Frische, …
bewahre
die geheimnissvolle
Schlichtheit
der Erde
und seiner Orange
vollkommenes Einssein.

 

Ja, diese Ode ist vielleicht nicht ganz einfach zu verstehen, aber wir machen hier ja keine Poesie-Analyse wie im Gymnasium 🙂

Was ich damit zeigen will: eine Frucht wird hier zu einem Objekt, über das der Dichter wirklich tiefgehend nachgedacht hat. Über ihre Form, ihre Farbe, ihre Blüten, die Struktur ihres Inneren, die Anordnung des Fruchtfleischs in Spalten, die wie Speichen eines Rads aussehen können– und wie das alles mit der Welt bzw. auch seinem Heimatland zusammenhängen könnte.

ArtFood: Essen mit Kunst.

 


Infos & Quellen
*Pablo Neruda, chilenischer Dichter & Schriftsteller, 1904–1973. Wikipedia
*Zitat entnommen aus: Karsten Garscha (Herausgeber): Pablo Neruda. Elementare Oden, Neue Elementare Oden, Drittes Buch der Oden; übersetzt von Erich Arendt, Luchterhand Verlag 1985.

Bilder:
*Titelbild: Tamanna Rumee, Pixabay.
*Gläser mit Aperol: Alice Schmatzberger.
*Orangen & Blüten: mcj, Pixabay.
*Orangen aufgeschnitten: LoggaWiggler, Pixabay.
*Orangen: Couleur, Pixabay.

 

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