Iss fein, immer rein!

Wiegen, sich abwiegen, das eigene Körpergewicht kontrollieren und überprüfen, schwanken zwischen Gesundheitsbewusstsein und Selbstoptimierung, zwischen Body Shaming und Body Positivity – das eigene Körpergewicht in der Öffentlichkeit, an einer Straßenbahnhaltstelle oder auf einem belebten Platz vor einem Bahnhof messen? Und das in voller Bekleidung? Wo alle zuschauen könnten? Und sich dann vielleicht die Kommentare der Anderen ausmalen? Mittlerweile undenkbar.

Öffentliche Personenwaagen, Wien

Natürlich wirken sie heute ein wenig altmodisch, aber zu ihrer Zeit waren diese Münzautomaten eine technische Sensation. Im Jahr 1888, anlässlich des 40-jährigen Thronjubiläums von Kaiser Franz Joseph I., wurden in Wien im öffentlichen Raum die ersten automatischen Personenwaagen aufgestellt. Drei Kreuzer eingeworfen und schon bekam man sein aktuelles Körpergewicht angezeigt.

Die Wiener und Wienerinnen sahen sich ja immer schon gerne als Genussmenschen. Und so dachte man damals, diese Automaten würden auch kleine Schokoladestücke auswerfen. Als das zunächst nicht passierte, kam es zu Beschwerden bei der Polizei.

In Folge der Knappheit an Lebensmittel nach dem 2. Weltkrieg wurden „ab 1949 bundeseinheitliche Lebensmittelkarten eingeführt, die es dann ermöglichten, die ersten Wertmarken … für die Schokoladewiegeautomaten an die Wiener Stadtbevölkerung zu verteilen. Hintergrund der kreativen Aktion war es, die Wiener Stadtbevölkerung durch diese schokoladigen Lockmittel zum Wiegen zu bewegen und so Daten über die Gewichtsentwicklung in Wien erheben zu können.“

Technische Zeichnung: Schokoladewiegeautomat

Die Aktion wurde zu Beginn sehr gut angenommen. Die Schokolade, entweder in schwarz-weißer oder in rot-weißer Verpackung, wurde daher nicht nur in den Automaten, sondern auch in Geschäften zum Kauf angeboten. Langfristig jedoch stellte sich kein Erfolg ein: es konnten nicht genügend Daten gesammelt werden, die Waagen wurden immer wieder aufgebrochen, die Qualität der Schokolade litt unter sehr kalten bzw. sehr hohen Temperaturen – und schließlich war die Lebensmittelknappheit bald bewältigt und die Menschen wandten sich anderen Themen zu. Die Schokoladewiegeautomaten gerieten allmählich in Vergessenheit, bis sie schließlich gänzlich verschwanden.

Diese Geschichte ist …
zur Hälfte wahr. Die ersten öffentlichen Waagen wurden in Wien tatsächlich im Jahr 1888 aufgestellt und sie waren als erste Münzautomaten auch tatsächlich eine technische Innovation. Und ja, anfangs wurde auch Schokolade aus diesen Automaten erwartet. Bis heute finden sich in Wien etliche dieser Personenwaagen auf den Straßen. Alles andere ist …

… Teil einer Performance
der Künstlerin Veronika Merklein. Sie erzählte im Rahmen performativer Stadtführungen die verloren gegangene Geschichte der vermeintlichen Wiener Schokoladewiegeautomaten – die es so nie gegeben hat.

Veronika Merklein: Performance Iss ´fein, immer rein!

Veronika Merklein arbeitet regelmäßig zum Thema Essen, zu Nahrungsmittelpolitik sowie zu Körperpolitiken. Dazu zählt auch die gängige Stigmatisierung bzw. Diskriminierung dicker Menschen, die oft abwertende Beurteilungen aufgrund ihres Äußeren erfahren.

Die Arbeit Iss ´fein, immer rein! Die verlorene Geschichte der Wiener Schokoladewiegeautomaten thematisiert nebenbei auch die Diätkultur. In der schwierigen, von Knappheit geprägten Nachkriegszeit war ein üppigeres Körperbild mit Gesundheit, Wohlstand und Genuss assoziiert. Schokolade war begehrt, sie wurde genossen, so man sich diese wieder leisten konnte. Es entwickelte sich allmählich das, was wir heute als moderne Konsumgesellschaft bezeichnen.

Veronika Merklein: Performance Iss ´fein, immer rein!

Schon bald jedoch änderten sich erneut die Schönheitsideale, die ja die längste Zeit hauptsächlich Frauen betrafen. Zu viel von was auch immer – Schokolade, Genuss, Körpergewicht – wurde bald als problematisch angesehen. Zusätzliche Verstärkung bekam diese Debatte durch die rasch aufkommenden gesundheitlichen Argumente. „Zu viel“ war bald nicht mehr nur ästhetisch nicht ideal, sondern galt zunehmend (haha) auch als gesundheitlich bedenklich. Die echten öffentlichen Personenwaagen bekamen daher Schilder verpasst mit Aufschriften wie „Im Interesse Ihrer Gesundheit prüfen Sie Ihr Gewicht!“.

Die kriegsbedingte Mangelernährung war also rasch vergessen, zu viele Körperrundungen auch. Eine interessante Wendung: schick wurde ein dünnes Körperbild, verkörpert insbesondere durch das britische Fotomodell Twiggy in den 1960er Jahren.

Parallel dazu wurden Diäten modern, mit Vorliebe publiziert in Frauenzeitschriften: Ananas-Diät, Low Carb, Kohlsuppen-Diät und viele andere standen damals am Anfang einer Entwicklung, die man heute als Verpflichtung zu einer Art von neo-liberalem Body-Management bezeichnen könnte. Süßigkeiten wie Schokolade sind in diesem Kontext eine „Sünde“, die Frau sich ab und zu „gönnen darf“. Angesagt ist körperliche Selbst-Optimierung, die im Privaten erfolgt, um dann öffentlich zelebriert werden zu können. 

Sich in der Öffentlichkeit abwiegen? Undenkbar.


Infos & Quellen
*Website der Künstlerin: Veronika Merklein.
*Text & Zitate zu der Performance „Iss ´fein, immer rein! Die verlorene Geschichte der Wiener Schokoladewiegeautomaten“: Veronika Merklein
*Zitat zu den Schildern: The Gap (2016). 

Bilder:
*Alle Abbildungen mit freundlicher Genehmigung der Künstlerin.
*Fotos Veronika Merklein: Soukaina Joual.
*Titelbild Schokolade: Grafik Anja Hartmann.
*Skizze des Schokoladewiegeautomaten: Grafik Anja Hartmann.
*Öffentliche Personenwaagen in Wien: Alice Schmatzberger.

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